Der Wert von Kunst. Ganz kurz.

Permanent müssen sich Menschen dafür verantworten, dass sie einen nutzlosen Job machen und selber schuld sind, dass sie in prekären Lebensumständen lernen und leben. Ich habe keine Lust mehr, das zu diskutieren. Ich schreibe meine Antwort nun einmal hier auf und werde dann in Zukunft nur noch den Link teilen. Schluss damit, mich immer wieder zu wiederholen.

Ich traf vor einigen Wochen eine äußerst lebhafte Dame, vielleicht 20 Jahre älter als ich und absolut dazu in der Lage, innerhalb von Sekunden eine wilde politische Diskussion anzuzetteln. So stritt sie leidenschaftlich dafür, dass in Deutschland alle Menschen die gleichen Bildungschancen hätten.
Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen, PISA-Studie, seit 20 Jahren, blabla, ihr wisst bescheid. Die Chancengleichheit endet in Deutschland spätestens in der Grundschule, alles schön wissenschaftlich belegt.


Ja, hob die Dame wieder an, das möge ja sein, aber sie habe jetzt von Stipendien geprochen, also von der Chancengleichheit im Rahmen eines Universitätsstudiums, da gäbe es doch nun wirklich alle Möglichkeiten.
Hä? Das überraschte mich ja nun wirklich. Also in meinem Studium, wandte ich ein, da hätten ja nun die wenigsten ein Stipendium gehabt, so endlose Möglichkeiten habe es da nicht gegeben… – Jaaaa, antwortete meine Gesprächspartnerin, da müsse man dann natürlich auch Leistung bringen, das sei ja klar!

Was haben Sie denn studiert?

Vor meinem inneren Auge zogen Kommilitonen vorbei, deren Magisterarbeiten den Umfang von Doktorarbeiten hatten, die Monat um Monat in unbezahlten Praktika verbrachten, die auf eigene Kosten nach Berlin fuhren um irgendwelche Inszenierungen anzugucken…
Also ich habe mit 1,1 abgeschlossen, ich glaube nicht, dass es da jetzt um die Leistung geht, antwortete ich leicht zickig.
Was haben Sie denn studiert?
Theater- und Erziehungswissenschaften.
Achsooo… Nun ja, man sollte dann auch schon etwas studieren, was von allgemeinem Interesse ist, was auch gebraucht wird, das ist auch die Aufgabe der Eltern, darauf hinzuwirken, dass ihre Kinder etwas studieren, wovon man auch leben kann…


An dieser Stelle steuere ich die Unterhaltung mal langsam aus. Sie findet natürlich täglich irgendwo statt, permanent müssen sich Menschen dafür verantworten, dass sie einen nutzlosen Job machen und selber schuld sind, dass sie in prekären Lebensumständen lernen und leben. Ich habe keine Lust mehr, das zu diskutieren. Ich schreibe meine Antwort nun einmal hier auf und werde dann in Zukunft nur noch den Link teilen. Schluss damit, mich immer wieder zu wiederholen.

Fakt ist, dass eine Gesellschaft aus vielen Menschen besteht, die miteinander klarkommen müssen.


Also: Gibt es sie, die brotlosen Künste? Na klar! Meine EU-Rente beträgt 600€. Ein Witz.
Kann man daraus ableiten, dass künstlerische Arbeit wertlos ist?
Nein. Natürlich, erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das ist aber immerhin schon der zweite Platz, da hat noch keiner seine Steuererklärung gemacht oder den Rasen gemäht.


Fakt ist, dass eine Gesellschaft aus vielen Menschen besteht, die miteinander klarkommen müssen. Aus Identitäten, aus Einzelpersonen und Gemeinschaften. Und es ist absolut wichtig, sich auf all diesen Ebenen zu spüren, kennenzulernen, miteinander umzugehen. Sonst funktioniert das System nicht. Oder es funktioniert eben zu gut.
In einer sächsischen Kleinstadt mit größtenteils rechtsoffenen Bürger_innen wird es immer auch Menschen geben, die sich in dieser Mehrheitsgesellschaft nicht wiederfinden, die anders denken oder fühlen. Die treffen sich nicht im Ingenieursbüro oder in der Anwaltskanzlei. Die treffen sich bei Künstler_innen und Geschichtenerzähler_innen. Bei Sozialpädagog_innen, vielleicht auch in Therapiegruppen. Manchmal in Religionsgemeinschaften. Fast immer bei unterbezahlten Menschen. Wenn es sie nicht gäbe, gäbe es dafür keinen Raum, und ich bin sicher, dass uns der Laden wesentlich häufiger um die Ohren fliegen würde. Vermutlich gibt es auch deshalb ein Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe.


Und das war`s. Eine bessere Bezahlung wäre wünschenswert, aber vorerst wäre es auch schon nett, wenn der Wert von Kunst nicht mehr permanent in Frage gestellt würde. Herzlichen Dank dafür, auch an die Dame, die mir diese Steilvorlage geschenkt hat. Liebe Grüße! Sol

Unser kulturelles Erbe – WTF

Die Menschen, die so fleißig über Winnetou und ähnliche Fragen diskutieren, argumentieren häufig ungefähr so: „Dieses Buch gehört zu unserem kulturellen Erbe, ich habe es als Kind geliebt und möchte dieses wohlige Gefühl an meine Kinder weitergeben, das lasse ich mir nicht kaputt machen.“ Allerdings besteht ein relevanter Anteil unseres kulturellen Erbes aus diskriminierendem Schrott. Das ist nicht ungewöhnlich, aber dabei stehenbleiben sollten wir nicht.

Ich muss nochmal was nachschieben. Letzte Woche habe ich hier über Diskriminierung und Kunstfreiheit geschrieben, am Beispiel von Winnetou, Layla und der Documenta15. Ich will nicht alles nochmal wiederholen, deshalb in aller Kürze:

Kunst ist nicht dazu da, ein politisch korrektes Programm zu bebildern, und sei es noch so ehrenwert.

Umgekehrt kann es aber auch nicht Sinn der Sache sein, gesellschaftliche Debatten in der kreativen Arbeit außen vor zu lassen. Dann entsteht wahrscheinlich – so meine These – schlechte Kunst.

Dieses Buch gehört zu unserem kulturellen Erbe.

Die Menschen, die so fleißig über Winnetou und ähnliche Fragen diskutieren, argumentieren nun allerdings häufig noch ein wenig anders: „Dieses Buch (oder was auch immer) gehört zu unserem kulturellen Erbe, ich habe es als Kind geliebt und möchte dieses wohlige Gefühl an meine Kinder weitergeben, das lasse ich mir nicht kaputt machen.“ Da deutet sich am Ende schon die Agression an, und der Freigeist der Nation, Siegmar Gabriel, war auch schnell bemüht, diesen Gedankengang salonfähig zu halten.

Vom kulturellem Erbe kann man auch schnell zur Leitkultur denken, und dann einfach nur noch irgendwas von Goethe, Schiller oder deutschem Liedgut stammeln. Damit sind allerdings schon viele auf die Fresse geflogen, ich verlinke sehr gern ein Beispiel.

Ein relevanter Teil unseres kulturellen Erbes besteht, mit Verlaub, aus diskriminierendem Schrott.

Tatsache ist aber, dass unser kulturelles Erbe voller Beispiele für Bücher, Filme etc. steht, die riesigen Erfolg hatten und als absolut diskriminierend zu beschreiben sind. Natürlich verdeckt Karl May mit seinen romantischen Geschichten, was wirklich mit den Natives in Amerika geschah. Natürlich ist es absolut sexistisch, wenn „Försters Pucki“ an ihrem 4. Geburtstag bereits ihren späteren Ehemann kennenlernt, oder wenn „Trotzkopf“ im Internat zunächst seelisch gebrochen wird, bevor sie sich nach zwei Treffen unter den Augen ihrer Eltern mit dem angemessenen Kandidaten verlobt. Natürlich ist das Traumschiff nationalistisch, rassistisch, kolonialistisch und sexistisch, da weiß ich wirklich nicht, wo ich eigentlich anfangen soll. Nur soviel: Die „MS Deutschland“ (!) ist in wirklich jedem Dschungel bekannt. Und natürlich ist die weichgespülte Vergewaltigungserotik der „Wanderhure“ völlig indiskutabel. Ein relevanter Teil unseres kulturellen Erbes besteht, mit Verlaub, aus diskriminierendem Schrott.

Früher war die Welt eine andere.

Und selbst künstlerisch deutlich spannendere Werke wie die Bücher von Otfried Preußler sind natürlich nicht frei von kolonialistischen Motiven, das wurde ja bereits vor Jahren breit diskutiert. Nicht weil der Autor Rassist war, sondern weil er ein Kind seiner Zeit war. Man ist kein_e Rassist_in, weil man als Kind gern Karl May gelesen hat, aber es wäre schon gut, das später zu reflektieren und gegebenenfalls auch mit seinen Kindern zu besprechen. Es wäre prima, wenn Verleger_innen, Erzieher_innen, Lehrer_innen dafür Konzepte entwickeln würden, denn Eltern werden das nicht immer leisten können.

Früher war die Welt eine andere. In der Schule wurde geprügelt. Mädchen und Frauen waren von Männern komplett abhängig. Schwarze Menschen galten als minderwertig und gruselig. Von all diesen Missständen sind auch heute noch Aspekte übrig. Deswegen ist diese Debatte unumgänglich. Man muss nicht jeden Schrott erhalten. Man kann ihn vorsichtig ins Archiv legen, bei Bedarf hervorholen und diskutieren – und sich dann was Neues ausdenken. Hoffentlich ist was spannendes dabei. Und hoffentlich heißt die Hauptfigur nicht „Pucki“.

Layla, Winnetou und die Documenta – ein paar Worte zur Freiheit der Kunst

Winnetou, Layla und die documenta – wir diskutieren diesen Sommer hart darum, welche Kunst-/Kulturerzeugnisse wir wollen, und welche nicht. Oft ist dabei von einer übertriebenen Verbotskultur die Rede. Aber vielleicht geht es eigentlich nur um die eine Frage: Ist es denn gut?

Man kann mich mit Fug und Recht als Gutmenschin beschimpfen. Ich wünsche mir, dass jede Form der Diskriminierung abgeschafft wird, bemühe mich darum, eine sensible Sprache zu benutzen und bin prinzipiell geneigt, jedem_r zuzuhören, der_die darauf hinweist, sich von der Gesellschaft benachteiligt zu fühlen. Hoffe ich. Jedenfalls ist das für mich der grundlegendste Wert, den ich habe, und ich wünsche mir, dass das auch für möglichst viele andere Menschen gilt. Dass wir den Umgang miteinander respektvoll gestalten wollen. Amen.


Am allerwichtigsten allerdings ist mir, (und das muss kein Gegensatz sein, kann aber schonmal knallen): Die Freiheit der Kunst. Nicht, weil ich es billigen will, dass unter dem Deckmantel der Kunst Menschen diskriminiert werden, sondern weil die Freiheit der Kunst die Möglichkeit bietet, als Korrektiv zur Gesellschaft aufzutreten und Dinge in die Öffentlichkeit zu stellen, die dort nicht richtig repräsentiert sind. Ein Beispiel: Als das Zentrum für politische Schönheit 2014 die Mauerkreuze aus Berlin stahl um sie an die europäischen Außengrenzen zu bringen, taten sie etwas, was eigentlich gegen das Gesetz verstieß und erschufen ein Ereignis, das auf ein viel größeres und schrecklicheres Verbrechen hinwies -in höchst emotionaler Weise. Ohne die Freiheit der Kunst – und die Bereitsschaft der Macher_innen, sich auf dieses dünne Eis zu begeben – wäre das nicht möglich gewesen. Dafür brauchen wir sie. Auch wenn das keinesfalls bedeutet, dass ich alles gut finde, was unter diesem Deckmantel passiert, auch nicht vom ZpS – man kann sich an dieser Freiheit auch ganz schön verheben. Das nur am Rande.

In diesem Sommer verheben sich so einige an der Debatte.

In diesem Sommer nun verheben sich allerdings so einige in der Debatte. Beispiel 1: Winnetou, weil`s grad so schön aktuell ist. Ich sah gerade einige Beiträge von Medien, die wahrscheinlich ihr wirtschaftliches Wohlergehen über Empörung generieren, verlinken werde ich sie nicht. Las einige Tweets, die mich sehr traurig machten. Und fasse nun zusammen: Deutschland wird von 180 woken Meinungsmachern (sic!) gegängelt, die den Verlag so stark bedrängt haben, dass er feige eingeknickt ist und das Buch (und das Stickerbuch, das Puzzle, die Waschlappen und die Schmerztabletten, denn ein I……r kennt keinen Schmerz, Scherz) aus dem Programm genommen haben. Manchmal werden diese „Linken“ auch „Denunzianten“ genannt. Und dann gibt es noch ein wichtiges Argument: In Deutschland gibt es ja gar keine I……r. Dass das nicht stimmt und dass auch Natives Internet haben und Ländergrenzen deshalb eh irrelevant sind, erwähne ich nur am Rande bzw. verweise auf den Auftritt der Natives auf Instagram.

Wie dem auch sei: Der Verlag hat das Recht, das Buch (und das Poster, und die Badeschlappen und die Tattoovorlage) zu veröffentlichen, er macht es nicht, was sicher finanziell weh tut. Obwohl niemand das Buch verbietet, wird es zurückgenommen. Warum? Weil er gezwungen wird? Wohl kaum, der richtige Shitstorm begann doch erst, nachdem er diese Entscheidung öffentlich gemacht hatte. Möglicherweise (lassen wir den Gedanken einfach mal zu) ist das Verlagsteam vielleicht einfach auf die Idee gekommen… dass die Kritik berechtigt ist? Dass dieses Buch vielleicht nicht genau das Buch zur Thematik ist, dass es jetzt gerade braucht? Oder dass die Argumente der Kritiker_innen ganz schlicht und einfach nicht mehr verschwinden werden und man langfristig – auch aus wirtschaftlichen Gründen – mit der Zeit gehen will?

Vielleicht sollte die Frage gar nicht lauten „Sollte diese Kunst verboten werden?“ – sondern vielmehr: „Ist es denn gute Kunst?“

Dasselbe bei „Layla“ – der Shitstorm begann, als öffentlich wurde, dass das Lied beim Stadtfest nicht gespielt werden würde, „einknickende Denunzianten“ wären vielleicht auch zurückgerudert. Die Sache verhielt sich jedoch anders: Im Jahr zuvor hatten Menschen eine Petition gestartet, damit ein bestimmtes Lied über eine Vergewaltigung nicht mehr gespielt werden würde. Erst danach reagierten Stadtrat und Verwaltung. Die Veranstalter_innen nahmen es aus dem Programm und zogen dann in diesem Jahr von sich aus nach, indem sie auch „Layla“ ausschlossen.

Ich persönlich kann mir eine ganze Menge anderer Lieder denken, die weitaus frauenfeindlichere Texte haben. Aber auch hier greift für mich die Frage: Ist es denn gut? Und ja, „Layla“ mach die Frau zum Objekt und ist ansonsten harmlos. Und Kool Savas, nur mal so als Vergleich, macht die Frau so sehr zum Objekt, dass man fast glauben könnte, dass er es vielleicht nicht so ganz ernst meint und einfach nur selbst die härteste Sau im Stall sein will?! Aber auf dem Stadtfest würde das vermutlich auch nicht funktionieren.

Und dennoch bleibt bei allen genannten Fragen eben nicht die Frage: Müssen wir das verbieten? – es reicht vollkommen, sich zu fragen: Ist es denn gut? Gibt es uns was? Gibt es den Leuten drei Straßen weiter was? Sollten wir Rücksicht nehmen? Dass diese Fragen vielen Menschen völlig egal sind, das ist allerdings ein Problem.

Tja, und dann gibt es natürlich noch die Documenta. Ein riesiges Ereignis, medial, vermutlich auch vorort, ich war nicht da und tue mich schwer damit, mir das alles vorzustellen. Der globale Süden zu Gast in Kassel. Und dann eben Antisemitismus. Die Einschätzungen zur antisemitischen Bildsprache in den Kunstwerken sind absolut plausibel. Die Kritik zur Repräsentation verschiedener Gruppen in den Reihen der Künstler_innen ebenfalls. Aber dann… Viel Empörung, ein Kopf rollt, Entschuldigungen, nächster Skandal. Dass ausgerechnet die „liberale“ Partei vorschlug, die ganze Documenta auszusetzen, ist aus Sicht der Kunstfreiheit natürlich eine super Pointe. Ein Bild, das Antisemitismus reproduziert in Deutschland zu verbieten, kann man diskutieren, klar. Aber ich finde, auch hier greift die schlichte Frage: Ist es denn gut?

Es ist schon um die halbe Erde gewandert, dieses Bild.

Es ist nicht neu, es ist schon um die halbe Erde gewandert, dieses Bild. Noch nie hat es für solche Aufregung gesorgt, wie in Deutschland. Deshalb hätte hier in Kassel unbedingt und ganz ohne Zweifel ein Dialog entstehen müssen, und für diesen gab es kein Konzept. Das ist katastrophal schlecht. Ein schlechtes Konzept. Bei einem Projekt dieser Größenordnung nicht zu entschuldigen. Und nur um das klar zu sagen, ich meine mit „Konzept“ keine Podiumsdiskussion, bei der die immergleichen Haltungen aneinandergeklatscht werden, ich meine eine echte Begegnung mit Menschen, Gedanken, Gefühlen, die uns unbekannt sind. Mit Respekt, Wertschätzung und der Wahrung der Würde aller Beteiligten. Ohne das, kann man es, sollte es sogar ganz einfach lassen.

Ich glaube an Kunst, an die Freiheit der Kunst und daran, dass wir es immer noch besser machen können. Ich bin froh, dass es keine Verbotskultur gibt, jedenfalls nicht in der Form, wie sie auch heute wieder in rechten Tweets besungen wird.

Der einzige Ort, an dem künstlerische Perspektiven hierzulande tatsächlich aussortiert werden (können), ist die Förderpolitik. Und auch da gelten immer dieselben Fragen: Wer ist nicht hier? Wenn sollten wir noch einladen? Und wenn es dann richtig kracht im Gebälk, weil man sich überhaupt nicht versteht: Dann ist es vielleicht gut. Oder auch nicht. Bei der Kunst weiß man nie.

mein tief.unten

Wie sich eine Depression anfühlt, das ist schwer zu verstehen, sagt man. Ich weiß es auch nicht. Ich kann nur erzählen, von meinem Blick auf meine Depression. Und weil ich Lust hatte etwas auszuprobieren, ist ein kleines Zine entstanden. Thema: Lächeln und Nicken.

Es ist Sommer, die Tage hopsen vorbei. Ich hatte mir mal erzählt, dass die EU-Rente eigentlich auch ein bisschen wie ein künstlerisches Stipendium sei, dass ich nie wieder so viel Zeit für meine Ideen haben würde. Das ist möglich. Aber trotz aller Liebe zur Kreativität gibt es auch Freund_innen, Netflix, den See… und wahnsinnig viele Cafes, die ich mir eigentlich nicht leisten kann. Währenddessen stauen sich die angefangenen Textdateien auf meinem Desktop, der Nobelpreis für Literatur wird noch warten müssen. Es ist kompliziert.

Kompliziert scheint auch ein anderes Thema zu sein, das mich mein Leben lang begleiten wird: Depression. Wenngleich das Internet voll von gut recherchierten und aufbereiteten Informationen ist – zum Beispiel hier – stoßen Betroffene und Angehörige nach meiner Erfahrung immer wieder auf zwei Probleme:

  1. fehlt in der Regel eine Anlaufstelle, die alle Baustellen dieser Erkrankung – medizinische, psychische, soziale, arbeitsrechtliche und finanzielle etc. – im Blick hat und an entsprechende Stellen ganz konkret im jeweiligen Ort verweist. Diese Informationen müssen sich viele mühsam selbst erarbeiten, im besten Falle können andere Patient_innen helfen – wenn man denn mit anderen ins Gespräch kommt. Dieses Problem ist riesengroß, und ich überlege oft, wer das lösen könnte.
  2. höre ich immer wieder den Klassiker: „Wie man sich da fühlt, das kann man sich vermutlich einfach nicht vorstellen…“

Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, ob es erstrebenswert ist, sich das vorzustellen. Aber die Empathie zu verstehen, dass es schlimm ist, die brauchen Betroffene ganz bestimmt. Und ich finde es umgekehrt auch total gut es zu versuchen, zu versuchen zu beschreiben, was in einem vorgeht.

Depressionen sind eine Krankheit, die über die Persönlichkeit der Erkrankten wahrgenommen wird.

Depressionen sind eine Krankheit mit spezifischen Symptomen, und diese bahnen sich ihren Weg durch ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Ärzt_innen und Therapeut_innen können über Depressionen sprechen, ich kann nur über meine Depression sprechen. Mein tief.unten.

Durch die tolle Lyrikerin Sirka Elspaß habe ich für all diese Gedanken eine Form gefunden: Ein Zine soll es sein. Ich habe meine Dateien zusammenkopiert, verschoben, neu gemacht, Fotos hinzugefügt, den Scanner repariert… Und ein erstes Thema gefunden. Lächeln und nicken. Das ist das, was ich mache, in den Wochen, bevor es kracht. Ich tue, was alle gerne sehen, ich denke, ich schaffe alles weil ich muss, ich lächle und denke „ihr Arschlöcher“, und dann ist es bald vorbei. Beziehungsweise dann geht es erst richtig los.

Ein kleines Zine ist es geworden, die Einzüge stimmen nicht, hier und da wurde was abgeschnitten, aber ich freue mich. Es ist seit Jahren das erste, klitzekleine Projekt, das ich nicht nur angefangen, sondern auch beendet habe. Ich werde es hier verschenken, da verteilen, wenn ihr eins haben wollt, müsst ihr euch mit mir treffen. Ich freu mich jetzt einfach, dass ich das gemacht habe. Und nun: Zeit für Netflix. Oder so.

Von einer leeren Tasse – Wahrheiten über Bewerbungen

Neulich traf ich einen Bekannten, wir sprachen über dies und das und schließlich über Bewerbungsgespräche. Und dass diese nicht halb so schlimm sind, wie uns immer erzählt wurde. Hier einige Erfahrungen von einer Frau, die fast nie eine Bluse bügelt und trotzdem Jobs und Aufträge bekommt.

Wir schreiben das Jahr 2017, es ist Frühsommer, mein Sohn gerade ein Jahr alt. Die Elternzeit endet, Geld will verdient werden, ich suche nach Jobs und Aufträgen. Jetzt gerade allerdings ist irgendwas mit Flüssigkeiten passiert (ich weiß nicht mehr so genau), der Sohn türmt in seiner Windel, ich in Hose und BH hinterher, halt, das Handy klingelt, unbekannte Nummer, ich gehe ran und weiter ins Badezimmer. Ja, guten Tag, meldet sich eine Frauenstimme, es geht um einen Job als Texterin und Ihre Bewerbung. Die Frau fragt, ich antworte, der Sohn wirft Gegenstände in die Badewanne, es scheppert ganz schön, ich erkläre, die Frau lacht. Keine Ahnung, worüber wir noch gesprochen haben, am Ende habe ich den Job und schreibe von nun an Website-Texte für Zahnarztpraxen. Und angezogen habe ich uns dann auch wieder.

Das war sicherlich mein chaotischstes Bewerbungsgespräch, nicht aber mein unprofessionellstes: Einmal hatte ich mir die falsche Zeit aufgeschrieben und kam deftig zu spät. Ein anderes Mal hatte ich noch Erfrierungen an den Händen, weil ich diese während einer Hand Mund Fuß-Erkrankung zu stark gekühlt hatte. Das war insofern authentisch, als ich auch im Job keine Maschine bin: Teamrunde und gleichzeitig das erkältete Baby stillen/bespielen/was auch immer. Von (volljährigen!) Jugendlichen eine Zigarette annehmen. Mit denselben Jugendlichen in Venedig Klingelmäuschen spielen. Und vielleicht war das sogar meine Idee.

Offensichtlich bin ich eine ganz schreckliche Person, wenn es ans Arbeiten geht.

Wenn ich das alles hier so zusammenfasse, bin ich offensichtlich eine ganz schreckliche Person, wenn es ans Arbeiten geht. Nach der Logik meiner Deutschlehrerin hätte ich nie einen Job finden dürfen. Die hatte mir nämlich erklärt, wie das geht mit dem Bewerben. Also, dem ganzen Deutsch-LK, damals 1999 am Konrad-Duden-Gymnasium in Wesel, Nordrheinwestfalen.

1999, das war die Zeit der Arbeitslosigkeit, die Zeit von Gerhard Schröder und den Horrorstories, die später die Agenda 2010 rechtfertigen sollten. Bewerbungsprozesse wurden gemeinhin wie eine Art „Kreuzweg“ geschildert, nicht selten las man von Menschen, die hunderte Anschreiben und Lebensläufe verschickten. Berichte dieser Art wiederum lasen dann mutmaßlich unsere Lehrer_innen – selbst verbeamtet und auf geradem Weg in die sichere Rente. Die Menschen, die uns auf die harte Arbeitswelt vorbereiten sollten, hatten diesbezüglich keinerlei persönliche Erfahrungen. Trotzdem gaben sie sich Mühe, und so spielten wir bei der besagten Deutschlehrerin Bewerbungsgespräche.

Guten Morgen, guten Morgen, möchten Sie einen Kaffee?, ja, *Kaffeehinstell. Sie möchten also XY werden, warum denn, ja, weil, blabla…, was sind denn Ihre Stärken? und Ihre Schwächen? Schwächen, die in Wirklichkeit Stärken sind sagen!, gut, wir melden uns, tschüs, tschüs, fertig. Jetzt Auswertung.

Eine Mitschülerin: Du wolltest Kaffee, hast dann aber gar keinen Kaffee getrunken. Spielerin: Weil in der Tasse gar nichts drin war.                                                        Lehrerin: Das könnte euch durchaus passieren, dass da nichts drin ist, dass das ein Test ist, um zu gucken, wie ihr da reagiert!

Was haben die uns für einen Stress gemacht!

Und genau das ist der Moment, auf den ich zurückblicke und dann denke: Was haben die uns für einen Stress gemacht! Und wie kontraproduktiv das war! Ich jedenfalls ging ziemlich schüchtern und verunsichert an Uni und Praktikumsplätze und musste mir das Wissen, dass eine Bewerbung kein Drama ist erst mühsam aneignen. Und deshalb schreibe ich nun das auf, was ich damals besser hätte hören sollen: 

  • Mach beruflich etwas, was du gerne tust und worin du gut bist. Punkt. Alles andere findet sich.
  • Bewirb dich für alles, was du interessant findest und zeige dein Interesse. Ein Quereinstieg kann eine feine Sache sein.
  • Bau dir unbedingt ein Netzwerk auf, die meisten Jobs (bzw. Gespräche) kriegt man eh über Beziehungen, und das ist auch richtig so: Wenn jemand schon ein Jahr zufrieden mit mir gearbeitet hat, sagt das weitaus mehr über mich aus als ein Gespräch.
  • Sei verbindlich, denn am Ende spricht man immer mit Menschen.
  • Und überleg dir selbst, was du möchtest: Nur weil jemand dich einstellen will, musst du das nicht auch wollen.
  • Darüberhinaus solltest du unbedingt immer wieder mit Kolleg_innen über Geld reden, sonst weißt du nie, was du nehmen kannst.

Und damit bin ich eigentlich immer ganz gut gefahren.

Und damit bin ich eigentlich immer ganz gut gefahren. Sicher mag es Branchen geben, in denen es ganz anders läuft. Doch auch mein Bekannter (Verpackungsingenieur oder sowas?) hatte noch kein Bewerbungsgespräch, das nicht abends beim Bier geführt wurde. Andere Menschen aus meinem Umfeld saßen plötzlich vor einer 15-köpfigen Komission (die abgefahrensten Sachen passieren immer in den Kommunen). Ich hatte auch mal den absoluten Hass-Job (Callcenter), der so furchtbar war, dass keiner dort arbeiten wollte und jede_r, absolut jede_r mitmachen durfte. Es gibt ganz verschiedene Wege. Aber niemand, wirklich niemand, stellt dir eine leere Tasse hin. Und wenn doch, dann frag, wo dein Kaffee bleibt.

Was sind eure Bewerbungserfahrungen? Bitte sagt mir, dass ich nicht die einzige bin, die es nicht schafft, sich eine Bluse zu bügeln! Und wie wurdet ihr in der Schule darauf vorbereitet? Ich bin gespannt auf eure Berichte.

Corona: Die Lösung, bitteschön.

Die Impfquote lässt zu wünschen übrig. Vulnerable Gruppen bezahlen dafür mit ihrer Bewegungsfreiheit. Die Debatte wird dabei eher als Geschrei geführt, gerade in der, ich sag mal ganz vorsichtig, nationalsozialistischen Szene. Auch esoterisch angehauchte Bürgerrechtler_innen haben Probleme. Dabei ist sie ganz einfach: Die Lösung. Macht die Impfung teuer! Dann wird`s schon werden.

Ich hatte mir ja die Impfpflicht gewünscht. Das war natürlich naiv: Wer die beschließt, muss sie auch durchsetzen, das finden viele Wähler_innen NICHT WITZIG, und damit ist die Sache gelaufen, der Drops gelutscht, die Impfpflicht abgelehnt. Möglicherweise hätten Merkel und Spahn die Chance gehabt, die Sache gleich mit den ersten Impfstoffen durchzuziehen, haben sie aber nicht, und nun haben sich die gesellschaftlichen Kräfte formiert. Zwischen Globulis und Hitlergruß ist die sachliche Debatte als erstes hops gegangen, und es tat weh zu sehen, wie Politiker_innen wie die Leipzigerin Dr. Paula Piechotta wirklich noch versuchten, einen auf Fakten basierenden Kompromiss auszuhandeln. Klappte natürlich nicht, und nun feiert: das Virus. Damit haben wir den Salat.

Der worst case, in Deutschland auch Eigenverantwortung genannt, ist eingetreten.

Der worst case, in Deutschland auch Eigenverantwortung genannt, ist eingetreten: „Eigen“ heißt „was mir passt“, und ja, das ist doch fein, ich übernehme gerne die Verantwortung für „was mir passt“. Im Supermarkt tragen manche Maske, manche nicht. Bei der Kassiererin baumelt sie unter der Nase, beim Kollegen ist es eine medizinische Maske. Beim Arzt muss es FFP2 sein, beim Therapeuten 1 auch, bei Therapeutin 2 geht’s ohne. Und im Bus kontrolliert eh keiner. Natürlich gibt es auch jetzt noch Regeln – aber die Einzelhandelskauffrau im Netto kann diese Regeln nicht durchsetzen, sie hat andere Aufgaben, agressive Impfgegner_innen/zahlende Kund_innen rauszuschmeißen gehört nicht dazu, auch wenn sie am Eingang ein Schild aufgehängt hat, man möge die Maske tragen. Wenn der Staat eine höhere Impfquote und die Umsetzung der Maskenpflicht will, dann muss er auch dafür einstehen, das kann er nicht auf das Personal der Supermärkte abwälzen.

Wenn die Maskenpflicht flächendeckend von Karl Lauterbach, oder meinetwegen auch von seinen Kolleg_innen auf Länderebene ausgesetzt worden wäre, dann würde man sie auch leichter wieder einführen können. Ähnlich übrigens wie Schnelltests, Impfungen und Quarantänebeschränkungen. So unübersichtlich, wie die Lage jetzt ist, glaube ich nicht, dass wir ohne dramatische Entwicklungen zu unserer Disziplin zurückfinden. Das geht zulasten der gesundheitlich Schwachen. Dass es gar nicht um Eigenverantwortung geht, sondern vielmehr um Solidarität, das sind Worte einer Spaßbremse. Also z.B. von mir.

Eine Gelegenheit für Impfgegner_innen, sich gesichtswahrend impfen zu lassen.

Was also ist die Lösung? Sie liegt natürlich auf der Hand: Man muss die Maßnahmen besser verkaufen. Vor allem die Impfung. Zunächst einmal sollte man mit einer einschlägig akzeptierten Firma zusammenarbeiten, vielleicht mit Wala, oder mit den Leuten, die diese Kügelchen herstellen. Die sollten dann einen neuen Impfstoff entwickeln, also eigentlich den alten, aber bio und vegan und komplett in Deutschland produziert. Das ist dann die Alternative zu Biontech und Co, und die kostet dann natürlich auch. Das ist die Gelegenheit für Impfgegner_innen, sich gesichtswahrend impfen zu lassen: Dieser Impfstoff ist immerhin pflanzlich, insofern ist das schon ein Kompromiss, auch wenn es 800€ für die Familie gekostet hat, war ein Angebot, und immerhin besser als diese Schulmedizin! Gut für die Impfquote, gut für die Menschen. Ich sag’s ja nur. Das ist die Lösung. Gern geschehen.

Von Sex und Belästigung und behinderten Menschen

Ein Artikel über sexuelle Belästigung durch behinderte Menschen erinnert mich an ganz unterschiedliche Erlebnisse. Reden wir über Sex, Belästigung und behinderte Menschen!

Russland, Corona und Klimakrise, die Nachrichten türmen sich zur Zeit auf – und trotzdem fand ich letzte Woche auf tagesschau.de diesen Artikel, der mich sofort brennend interessierte. Belästigungen von Pflegekräften durch behinderte Patienten seien kein Einzelfall, würden aber unter dem Deckel gehalten, stand da, und plötzlich fiel mit das Kaffeetrinken des Pastors wieder ein. Das war in den 90ern, ich war 16 oder 17.

Damals war Inklusion noch kein Wort, mit Rechten behinderter Menschen hatte ich mich nie befasst, von geistigen Behinderungen erst recht keine Ahnung. Aber ich war fast erwachsen, der Pastor wohnte in der Nachbarschaft und er brauchte dringend Leute: Einmal im Monat holten Freiwillige die Menschen aus dem Heim für geistig behinderte Menschen ab und unternahmen was (Kaffeetrinken eben), und je weniger Betreuer_innen, desto weniger Teilnehmer_innen, das war klar. Zusammen mit einer Freundin willigte ich also ein, man sagte kurz vorher, dass wir bei den Männern wenn nötig einfach sagen sollten, wir hätten einen Freund – und los ging’s.

Ich war natürlich völlig naiv.

Ich war natürlich völlig naiv. Als ich beim ersten Termin noch länger mit einem der jungen Männer auf seinen Bus warten wusste, wurde ich nicht nur gefragt, ob ich einen Freund hätte, sondern regelrecht bestürmt, diesen zu verlassen. Heute würde ich lachen und eine deutliche Grenze ziehen, damals fühlte ich mich einfach nur massiv unter Druck. Beim nächsten Termin griff mir derselbe Mann mit beiden Händen von hinten an die Brust. Niemand hatte das mitbekommen oder sagte etwas dazu, ich kam auch nicht auf die Idee, um Hilfe zu bitten. Die „nicht behinderten“ Menschen aus der Kirchgemeinde erzählten sich, wie erfüllend der Kontakt zu „den Behinderten“ sei. Wie sollten meine Erfahrungen da reinpassen? Auch hatte ich Angst davor, mich erklären zu müssen, befürchtete, dass das Hauptinteresse von Seiten der Kirchgemeinde womöglich darin liegen könnte, mich als Betreuerin zu halten. Ich wollte aber nicht mehr kommen!

Der junge Mann, der mich so heftig angegrapscht hatte, konnte in dieser Situation keine Verantwortung übernehmen. Der Pastor und die Kirchgemeinde waren nicht präsent. Also blieb alles an mir hängen. Ich schob vor, ich hätte zuviel für die Schule zu tun. Der Pastor fragte noch ein paar Mal nach, aber ich blieb dabei. Damit war die Geschichte vorbei, und bis heute habe ich tatsächlich noch niemandem davon erzählt.

Es macht wirklich Spaß, die Gruppe ist nett, alles ist fein.

Jahre später, Niederlande. Mein damaliger Freund hat mir einen Job vermittelt: er und ich und ein Sozialpädagoge fahren mit einer Gruppe geistig behinderter Menschen segeln. Es macht wirklich Spaß, die Gruppe ist nett, alles ist fein. Und im Prinzip, wie auf jeder Klassenfahrt – immer mal wieder gibt es irgendwelche Aufreger, die man dann klären und nach denen man die Ruhe wiederherstellen muss. Es gibt Pärchen, die schon lange zusammen sind, und es gibt frisch Verliebte. Eine junge Frau mit Down Syndrom bändelt mit einem Mann aus der Gruppe (die Behinderung weiß ich nicht) an, sie haben Spaß. Am letzten Tag, alle packen, gehe ich nochmal durch die Zimmer der Frauen um zu gucken, ob jemand Unterstützung braucht. Quatsch, sagen sie alle, und haben bereits weitaus strukturierter gepackt als ich. Die junge Frau mit dem Down-Syndrom wird von ihren Zimmergenossinnen bestürmt, „was“ zu sagen. Sie sei im Bad gewesen und da sei der junge Mann, mit dem sie sich angefreundet habe einfach reingekommen. Das sei nicht in Ordnung, sage ich ihr, und dass ich es mit dem Gruppenleiter bespräche. Als ich ihn sehe, ist allerdings Stress angesagt: Einer unserer Teilnehmer hat sich abgeseilt. Bis er wieder da ist und alles geklärt ist, ist Schlafenszeit, am nächsten Morgen Aufbruch, und irgendwie vergesse ich, mit ihm zu sprechen.

Wenig später, ich bin schon wieder in Leipzig, ein Anruf: Die Eltern der jungen Frau haben Anzeige gegen den jungen Mann gestellt, der Vorwurf: Vergewaltigung. Mir wird schlecht. Wieso habe ich an dem betreffenden Tag nicht geschaltet? Wir tragen im Team zusammen, was wir beobachtet haben, äußerlich waren die beiden ein Herz und eine Seele, und wenn es einvernehmlichen Sex gegeben haben sollte, dann ginge uns das einfach nichts an. Aber natürlich haben wir sie, die Verantwortung, unsere Teilnehmer_innen vor Übergriffen zu schützen, bzw. Ansprechpartner_innen zu sein.

Letztlich sind geistig behinderte Menschen absolut gefährdet, wenn es um Missbrauch geht.

Was nun wirklich geschehen ist? Wir werden es nie erfahren. Die Polizei hat ermittelt, aber es gab keine stichhaltigen Beweise oder Aussagen. Die junge Frau schien nicht traumatisiert (ein Glück!), und so verlief die Sache im Sande. Letztlich sind geistig behinderte Menschen absolut gefährdet, wenn es um Missbrauch geht, denn ihre Aussagen werden noch stärker angezweifelt, als die anderer Opfergruppen. Das betrifft selbstredend auch den Missbrauch durch nicht behinderte Menschen, das sollte man niemals aus dem Blick verlieren.

Ich jedenfalls habe damals richtig Bockmist gebaut. Es mag dafür gute Gründe geben (keinerlei Ausbildung zum Beispiel), unterm Strich bin ich meiner Verantwortung nicht gerecht geworden.

Jahre vergingen, irgendwann unterrichtete ich Heilerziehungspfleger_innen im Fach Theaterpädagogik und die erzählten mir Geschichten: Von geistig behinderten Menschen, die einsam waren und blieben, von der Frage der Verhütung, und wie Familien damit umgingen, von sexuellen Bedürfnissen, die unerfüllt blieben, und von einigen Pfleger_innen, die in der Spätschicht abends nach 22 Uhr eine Prostituierte anriefen, die regelmäßig ins Heim kam.

Grundsätzlich würde ich immer sagen, dass sexuelle Gewalt, grapschen, bedrängen nichts mit Sex zu tun hat. Eine Menschengruppe aber, die bis in diese intimsten Bereiche hinein reglementiert wird, hat vermutlich nur die Chance, „Gelegenheiten“ zu ergreifen. Das muss furchtbar sein.

Bleibt die Fage: Wer in all diesen Geschichten hat denn wirklich Verantwortung übernommen?

Wieder Jahre später, mein erstes Patenkind wird geboren, es hat Down Syndrom. Schon seine Geburt ist ein Politikum: Über 90% der Kinder mit Down-Syndrom werden abgetrieben. Im Einzelfall würde ich das nicht bewerten, in dieser Masse muss man das meiner Meinung nach bewerten. Einige Jahre später kommt ein zweites Patenkind, ebenfalls schwer behindert. Bei beiden beobachte ich, wie es so läuft mit der Inklusion, mein Interesse an dem Thema wächst. Ich lese Texte von Mareice Kaiser, Ninia LaGrande, Raul Krauthausen. Zum ersten Mal wird mir klar, wie klein wir die Teilnehmer_innen unserer Projekte gemacht haben: Weil wir gar nicht erst versucht haben, Grenzen abzustecken. Weil wir ihnen nicht zugetraut haben, diese zu respektieren. Oder ihre eigenen Grenzen zu benennen. Es gibt sicherlich geistig behinderte Menschen, die all das nicht können. Aber gewiss nicht alle. Wir hätten es wenigstens versuchen müssen.

Meine beiden Patenkinder, das möchte ich am Rande erwähnen, sind beide absolut der Hammer. Aber selbst wenn das nicht so wäre: Sie haben ein Recht darauf, dass man vernünftig mit ihnen kommuniziert. Aktuell vielleicht über Musik und Süßigkeiten. Irgendwann später dann auch über alles andere.

Vier Kinder, ein kranker Mann und die Frage, ob man drüber reden soll. Der Fall Anne Spiegel.

Ich hatte mich bisher nicht mit Anne Spiegel befasst, aber ihre entschuldigenden Worte beschäftigen mich sehr. Eine emotionale Frau die Sorgearbeit leistet, repräsentiert mich doch eigentlich besser, als ein Abgeordneter, der jeden zweiten Abend mit seiner Frau telefoniert?

Ich hatte mich bisher nicht mit Anne Spiegel befasst. Als das Hochwasser im letzten Sommer Menschen tötete und verheerende Schäden anrichtete, war ich schwer krank und bekam wenig davon mit. Dann gab es immer „größere“ Nachrichten: Bundestagswahl. Impfgegner. Ukraine. Der parallel arbeitende Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe zog an mir vorbei. Folglich hatte ich auch keine Meinung zu unserer jetzt Ex-Familienministerin.

Erst nach ihrem Statement, ihrer öffentlichen Entschuldigung am Sonntagabend las ich mich ein – und der ganze Vorgang lässt mich nicht mehr los. Warum?

Ich finde es natürlich nicht gut, wenn Politiker_innen Sachverhalte verschweigen oder sogar lügen. Ich stelle es mir sehr schwer vor, wenn jede SMS öffentlich gemacht werden kann – ich schreibe selber so flapsig, dass ich eine derartige Karierre wohl nie machen könnte. Es gehört aber zum Job, Transparenz auszuhalten – wenn man dann schlecht da steht, hat man das selbst zu verantworten.

Absolut gut, wenn Politiker_innen ein Privatleben haben.

Ich finde es absolut, und das möchte ich betonen, ABSOLUT gut, wenn Politiker_innen ein Privatleben haben. Und damit meine ich nicht Frau und Kinder irgendwo am anderen Ende des Landes. Sondern ein echtes Gestalten dieses Lebens, eine echte Kommunikation und natürlich auch Sorgearbeit. Ich mag ihm Unrecht tun, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Friedrich Merz weiß, in welchem Alter seine Töchter trocken geworden sind, wie ihre besten Kindergartenfreund_innen hießen und welches Pausenbrot sie immer vergammeln ließen. Und da sind familiäre Krisen, Krankheiten, Streit noch gar nicht mit eingeschlossen.

Anne Spiegel hat all das offen gelegt, spät, aber wer würde das schon tun, so lange er_sie nicht mit dem Rücken zur Wand steht. Sie hat genau das getan, wovon Frauen im Berufsleben immer abzuraten ist: Sie hat emotional, sichtlich unsicher über Schwierigkeiten in ihrem Privatleben gesprochen. Die (männliche) Presse ist damit überfordert. Sie habe „privateste Dinge“ erzählt (Bullshit, ich habe weder von einer Ehekrise noch von einnässenden Kindern oder Haarausfall gehört). Kanzler Scholz müsse schon aus Fürsorgepflicht für ihren Rücktritt sorgen (Anne Spiegel ist eine erwachsene Frau). Sie sei sehr schlecht beraten worden – ja, Angela Merkel hat sich vermutlich an den Kopf gefasst, aber soll es wirklich ein Tabu bleiben, Gefühle zu zeigen, über Mutterschaft und Familie zu sprechen? Die schlechteste Idee in der ganzen Geschichte war aus meiner Sicht, nicht sofort im letzten Sommer mit der ganzen Wahrheit rauszurücken – aber wie sehr wäre sie auch dann von der Öffentlichkeit zerrupft worden? Es ist leider eine Tatsache, dass ein emotionaler und persönlicher Auftritt der eigene Schwächen thematisiert, zumal von einer einigermaßen jungen Frau, dieser nicht zum Vorteil gereicht. Und um mal schön emotional zu bleiben: Das macht mich unheimlich wütend. Denn in einer politischen Landschaft, die so funktioniert, fühle ich mich nicht repräsentiert.

In einer politischen Landschaft, die so funktioniert, fühle ich mich nicht repräsentiert.

Genau wie Anne Spiegel bin ich Mutter. Ähnlich wie ihr Mann bin ich krank und muss Stress vermeiden. Daher kann ich aktuell nicht arbeiten. Meine Erkrankung ist hochemotional: Depression. Eine Volkskrankheit, übrigens eine, die vermehrt Frauen trifft. Ich bin nicht dumm, ich bin gut ausgebildet, aber in einem Politikbetrieb, der so wie oben beschrieben funktioniert, kann ich nicht arbeiten, also auch nicht meine Interessen vertreten. Kein Problem, dafür gibt es ja die repräsentative Demokratie. Nur: Kann mich eigentlich jemand vertreten, der nicht über Lebenskrisen sprechen darf, der sich dem Leistungsgedanken komplett unterwirft, der kaum Sorgearbeit leistet und mit zwei festgetackerten Grübchen durch den Tag trabt? Ernsthaft?

Wo sind sie, die depressiven Abgeordneten? (Die gibt`s mit Sicherheit!) Die alleinerziehenden Minister_innen? Die pflegenden Angehörigen?

Eine kleine Anregung für den_die nächste Familienminister_in: Richten Sie doch bitte mal einen Arbeitskreis (oder so) ein, in dem geprüft wird, wie man potentiellen Kolleg_innen, die Sorgearbeit für sich oder andere leisten, schwer krank, oder sonstwie benachteiligt sind, unterstützen könnte, um in Bundestag und Regierung mitzuarbeiten. Einfach mal konstruktiv an das Thema herangehen. Fänd ich klasse.

Für Anne Spiegel kommt das freilich zu spät. Kein Maskendeal, keine Fake-Firma in den USA, keine Parteispendenaffäre – einfach nur eine mangelhafte Kommunikation und der gute alte Sexismus haben gereicht. Vier Kinder, ein kranker Mann und die Frage, ob man drüber reden soll. Meine Bitte: Redet drüber, alle. Denn was sollen wir sonst tun.

2021 gelesen

2021 war ein Jahr mit sehr verschieden Phasen – an einige Monate und Bücher kann ich mich krankheitsbedingt kaum erinnern, andere sind umso präsenter. Hier meine Leseliste, ich freu mich, wenn ihr Tipps habt!

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten, Rico, Oskar und das Herzgebreche, Rico, Oskar und der Diebstahlstein – So herzerwärmende und witzige Kinderbücher, ich bin total froh, dass meine Freundin Sina mir das erste geschenkt hat.

Loriot: Menschen, Tiere, Katastrophen – Zu Loriot muss ich nichts sagen, der steht für sich.

Lucy Maud Montgomery: Emily auf der Moon-Farm, Emily auf der High School, Emily in Blair Water – Als Teenager 100 mal gelesen und auch ein paar idiotische Vorstellungen über Stolz und ähnliches Zeug mitgenommen. Trotzdem, wenn man diese kanadischen Bücher mit den „Jungsmädchenbüchern“ aus Deutschland aus derselben Zeit vergleicht, dann sind sie echt um Welten besser: Unabhängige Frauen mit Ambiti0nen, die freie Wahl eines Partners, der nicht 15 Jahre älter ist… Insofern eine klare Empfehlung. (Und irgendwann schreibe ich vielleicht einen rant auf „Försters Pucki“.)

Julia Quinn: Bridgerton. Der Duke und ich – Die Serie war besser. (Die Serie war GROßARTIG!)

Alina Bach: Die Liebe in dunklen Zeiten – Erfahrungen aus einer Partnerschaft mit einem depressiven Partner. Aber nicht sooo ratgeberig. Vieles weiß ich leider nicht mehr.

Tove Jansson: Die Mumins. Geschichten aus dem Mumintal – Alle Geschichten von Tove Jansson sind toll. Weil die Figuren alle ganz selbstverständlich sie selbst sind. Das macht mich froh.

Henri Nouwen: Du bist der geliebte Mensch – Ich weiß nicht mehr viel. Aber es klingt gut, sich selbst als geliebt zu sehen. Obwohl es schon komisch war, so ein christliches Buch zu lesen. Sehr ungewohnt.

Susen Collins: Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele; Gefährliche Liebe; Flammender Zorn – Die Romane haben mich total geflasht: Intelligent, spannend und in einer sehr einfachen Sprache. Ich mag es ja klar und einfach. Habe tagelang auf dem Bett gelegen und gelesen, gelesen, gelesen.

Ilka Piepgras (Hg): Schreibtisch mit Aussicht – Darauf habe ich ja hier bereits ein Loblied gesungen.

Stephanie Quitterer: Hausbesuche. Wie ich mit 200 Kuchen meine Nachbarschaft eroberte – Das kannte ich eigentlich schon, aber es hat Spaß gemacht, es nochmal zu lesen. Eine wahre Geschichte von Selbstüberwindung, Nachbarschaft und Kuchen.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren – Der Autor guckt Wetten dass? und erkennt einen Kandidaten, der das Wetter in seinem Heimatdorf von vor 15 Jahren auf den Tag genau kennt. Er fährt hin, recherchiert, schreibt ein Buch. Also ein Buch, das fiktiv bleibt. Das Buch, das ich gelesen habe, besteht nämlich aus einem einzigen langen Interview mit dem Autor zu eben diesem fiktiven Buch, und es ist eine Freude, sich durch all diese Ebenen, vermengt mit ordentlich Anschauungen zu zu Ästhetik und Literaturbetrieb hindurchzuarbeiten. Wenn ihr schräge Bücher mögt, unbedingt lesen!

Saša Stanišić: Herkunft – So ein tolles Buch. Denn wo kommen wir schon her? Nachdenklich, witzig, sehr präzise sind die Geschichten von der Oma, die angeblich bei der Mafia war, von dem Dorf in dem noch 13 Menschen leben, auf dessen Friedhof aber alle Stanišić heißen, von der Flucht aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, wo das soziale Leben an einer Aral Tankstelle stattfindet. Große Empfehlung.

Jo Nesbø: Die Larve; Koma; Durst; Messer – Spannende Krimis. Leider habe ich jetzt alle durch.

Jasmin Schreiber: Der Mauersegler – Sehr sehr dichte Naturbeschreibungen. Eltern, die ihr Kind Prometheus Marvin nennen. (Als Pädagogin weiß ich: Das gibt es garantiert!) Und eine traurige Geschichte von großer Schuld. Eine kleine Versöhnung. Ich bin noch nicht sicher, wie ich es finde, es beschäftigt mich noch.

Flake: Heute hat die Welt Geburtstag – In einer Mitnehmkiste gefunden und sehr viel Spaß gemacht. Flake ist der Keyboarder von Rammstein, und wenn der beschreibt, worauf er bei der Arbeit achten muss – z.B. wenn Sänger Til Lindemann ihn in einem riesigen Kessel mit dem Flammenwerfer traktiert – dann hat man schon das Gefühl, dass er abends weiß, was er gemacht hat, wie es so schön heißt. In sehr naivem Ton erzählt er vom aktuellen Touralltag und von den Anfängen der Band, die ohne die DDR nicht denkbar gewesen wäre. In Leipzig sind sie damals übrigens in der naTo aufgetreten. Durften aber auch nur einmal kommen. Vielleicht könnte man sie ja so langsam mal wieder einladen.

Rainald Grebe: Rheinland Grapefruit. Mein Leben – Rainald Grebe ist ein toller Künstler. Er hat ein paar lustige Lieder, und wenn man dann tiefer einsteigt, dann findet man eine Schwere, in der ich mich oft wiedergefunden habe. Deshalb hat mich dieses Buch sehr berührt. Man beobachtet ihn während einer Reha, Schlaganfall, das weitere Leben steht auf der Kippe. Man blickt in die Vergangenheit und erfährt Geschichten, in denen er nicht immer gut aussieht. Und dann wird natürlich noch gelogen, was soll man auch machen. Ein mutiges Buch, wunderschön illustriert und gedruckt, gönnt euch!

Randnotizen VI

Endlich mal wieder Randnotizen! Es hat eine ganze Weile gedauert, aber nun gibt es wieder Geschichtenschnipsel aus meinem Leben – von geilem Gebäck bis zum Chrystal Meth-Lieferservice. Viel Spaß damit!

„Geil. Geil. Geil, geil.“ Ich laufe durchs Reudnitzcenter, die Stimme hinter mir lässt mich spontan an Stadtrandnazis denken. Vorsichtig drehe ich mich um, zwei Schränke in Jogging-Hosen, tätowiert bis ans Kinn, laufen hinter mir. „Geil, geil, geil. Weißt du was auch geil ist? Eierschecke!“ „Ja, geil. Richtig geil.“

„Findest du das lustig?“ Mein Sohn sitzt mit seiner Cousine zusammen im Bollerwagen. Sie deutet auf ein Einfamilienhaus, er mustert es prüfend. „Ja.“, antwortet er entschlossen. Ein oder zwei Sekunden vergehen. Dann lachen beide herzlich. Ich check’s nicht.

Dielheim, Baden-Württemberg. Dunkle Straße, helle Lichterketten, Einfamilienhäuser. Ein Mann mit Rollator und eine zweite Person mit Krûcken gehen langsam die Straße entlang. Ich steige aus dem Auto aus, die beiden starren mich an. Guten Abend, sage ich, guuuuten Aaaabend?!, antworten die beiden prüfend. Ich gehe ein paar Schritte und drehe mich um, sie starren noch immer. Noch ein paar Schritte, immernoch, sie gehen ganz langsam weiter und starren mich an, bis ich hinterm Haus verschwunden bin. Invalidenzombies, es gibt sie. In Baden-Württemberg.

Advent, das Wohnzimmer glitzert, ich sitze schmückmüde auf dem Sofa. Es klingelt an der Tür. Eine Stimme mit starkem osteuropäischen Akzent meldet sich freundlich: „Wollen Sie Chrystal Meth kaufen?“ -“ Was?!“ -“ Wollen Sie Chrystal Meth kaufen? Ist sehr billig!“ -“ Achso, äh…“, ich überlege, „… tut mir leid, aber mein Sohn ist noch zu jung dafür!“ Wir lachen beide.