2022 gelesen

Meine Kernkompetenzen bestehen gerade im Husten und Leiden. Und dann habe ich auch noch Ende letzten Jahres meinen Kalender (ja, einen Papierkalender) verloren. Mit der Leseliste. Grmpf. Aber Traditionen wollen gewahrt werden, und deshalb habe ich so ungefähr versucht zu rekonstruieren, welche Bücher ich 2022 gelesen habe. Also los:

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege, Die Geschichte des verlorenen Kindes – Hat mich sehr beschäftigt. Die Texte sind so dicht, dass ich Mühe hatte, sie zu greifen… Worum geht es in den Büchern überhaupt? Laut Klappentext um Freundschaft, dabei habe ich selten so wenig über echte Nähe gelesen. Worum es mit Sicherheit geht: Armut. Gewalt. Selbstbehauptung und Scheitern. Italienische Geschichte. All diese Themen hätten nicht über zwei Frauen erzählt werden müssen. Aber nur über zwei Frauen konnten die Härten und die Sehnsüchte der Menschen so spürbar werden. Große Empfehlung.

Julia Quinn: Bridgerton – Der Duke und ich, Wie angelt man sich einen Viscount Das erste hatte ich doch schonmal gelesen? Habe schon wieder alles vergessen.

Mein Buch des Jahres.

Tove Jannsson: Das Sommerbuch – DAS Buch. Mein Buch des Jahres. Nicht klug, sondern weise, auf jeder Seite. Der Sommer, das kann in Finnland schonmal Eis bedeuten. Alles hat im Leben Platz. Das ist schwer. Oder nicht. Und das Gebiss der Großmutter ist in die Pfingstrosen gefallen. Nur Tove Jannsson kann ein völlig unaufgeregtes Buch über leben und sterben schreiben. Lest es alle!

Jan Gorkow: Niemals satt – Ich bin jetzt nicht unbedingt Fan von Feine Sahne Fischfilet, aber ihr Engagement gegen Rechts fand ich gut, und so stieß ich auf das Buch. Der Autor ist verdammt ehrlich – Respekt. Öfter mal wiederholt er sich, aber das ist okay. Deutlich wird aber auch, wie wenig Unterstützung Menschen mit Essstörung bekommen, gerade wenn sie eben dick sind. Da hätte man noch weiter gehen können, z.B. durch einen Austausch mit einer_m Psychologin_en.

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis – Netter Krimi aus Frankreich.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch, Rico, Oskar und das Mistverständnis – Das ist einfach eine wunderbare Kinderbuchreihe. Und die hält ihr Niveau auch in den letzten beiden Teilen.

Heide Keller: Das Traumschiff – Wir haben innerfamiliäre Laster. Wer mit mir über das Traumschiff sprechen möchte, kann sich gerne melden!

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter – Das erste lange Buch, das ich meinem Sohn vorgelesen habe. Vielleicht das beste von Astrid Lindgren.

J K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen – Auch für meinen Sohn. Ich finde die Bücher der Potter-Reihe immernoch gut, aber natürlich steigt die Autorin gleich mit ordentlich Fatshaming ein. Ich finde, dass man mit Kindern über sowas reden kann und sollte und wir hatten großen Spaß am Abenteuer.

Roald Dahl: Charlie und die Schokoladenfabrik – Was ist der Unterschied zwischen deutscher und englischer schwarzer Pädagogik? Die englische ist lustig. Auch weil mehr als deutlich wird, dass die eigentliche Verantwortung bei den Eltern liegt. Achja: Mein Sohn ist seither Süßigkeitenforscher.

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer – Noch so ein schlecht gealterter Klassiker. Einerseits wunderbare Szenen, wunderbare Ideen. Andererseits jede Menge Kolonialismus und wahrscheinlich gut gemeinter Rassismus. Also wieder: lesen und drüber reden.

Eine Frau hört auf zu schlafen und wird in der gewonnenen Zeit sie selbst.

Haruki Murakami: Schlaf – Eine Frau hört auf zu schlafen und wird in der gewonnenen Zeit sie selbst. Die Welt hält das nicht aus. So einfach und klar liest sich Murakami selten. Mit wunderschönen Bildern.

Roald Dahl: Hexen hexen – Auch mit meinem (hartgesottenen) Sohn. Die Hexen sind ultrafies und der Protagonist wird leider in eine Maus verwandelt. Dumm gelaufen, weiter geht’s. Wegen sowas mag ich Roald Dahl so gern.

Roald Dahl: Sophiechen und der Riese – Eines seiner besten Kinderbücher. Und übrigens auch eine Ehrung der verstorbenen Queen!

Tilman Röhrig: Robin Hood. Solang es Unrecht gibt. Ich wollte mal was schmökern… Aber der Schreibstil war leider schrecklich gespreizt. 1€ für jeden Satzanfang mit Partizip.

Bernd Riehm, Daniel Stemmrich: Lassaner Mosaik. Hinter offenen Türen. – Platzdeckchen, Porzellanfigürchen und eine Menge Geschichten von Zeitzeug_innen aus Lassan. Damit verbinde ich viel, sowohl persönlich als auch aus beruflicher Überzeugung. Redet alle mehr mit euren Nachbar_innen.

Thees Uhlmann: Die toten Hosen – Ist schon schön. Aber Band und Autor eint eben auch: die Abwesenheit von existentiellen Erfahrungen. Das ist absolut in Ordnung. Aber irgendwann habe ich mich das halt gefragt, wie Thees Uhlmann in Hoyerswerda klargekommen wäre. Wir werden es nie erfahren.

Ingeburg Kretzschmar: …daß es euch gut gehe – Aus dem Antiquariat im Schloss Stolpe mitgenommen. Texte, Briefe an Kinder, für mich als Wessi von ungewohnten Autoren – teils voll auf Parteilinie, manchmal aber auch einfach sehr schön. Interessante Leseerfahrung für mich.

Wie wird man im alten Rom Gynäkologin?

Penélope Bagieu: Culottées. Des femmes qui ne font que ce qu’elles veulent – Absolut tolle Comics über Frauen, die nur machen, was sie wollen: Von der Gynäkologin im alten Rom zur Königin des Kongo und so weiter. Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen. Gibt’s das schon auf deutsch?

Sirka Elspaß: ich föhne mir meine wimpern – Ich kenne die Autorin von Instagram, sie vereint tiefes Leid und ehrlichen Humor, ich mag sie sehr. Ihren ersten Gedichtband werde ich öfter lesen.

Charly Mackesy: Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd – Kennt ihr das? Ein Buch ist einfach nur freundlich. Warm. Herzlich. Es gibt endlich mal Antworten. Und dann denkst du: Das muss Kitsch sein! Nun, dies ist kein Buch für Besserwisser, sondern eins für Leute, die sich aufwärmen wollen. Wunderschön ist es auch.

William Goldman: Die Brautprinzessin – Witzige, selbstironische und überaus unterhaltsame Genrespielerei. Ich weiß nicht, ob das Fantasy ist, aber ich hoffe es, denn dann hätte ich ein gutes Fantasy-Buch gefunden. Und Stephen King spielt auch mit.

Und das war’s schon wieder… Dabei stapeln sich hier noch viel mehr Bücher. Und die Stadtbibliothek ruft. So vieles, was ich gerne noch lesen will! Was habt ihr auf dem Zettel? Ein frohes neues Jahr mit euren Büchern!

2021 gelesen

2021 war ein Jahr mit sehr verschieden Phasen – an einige Monate und Bücher kann ich mich krankheitsbedingt kaum erinnern, andere sind umso präsenter. Hier meine Leseliste, ich freu mich, wenn ihr Tipps habt!

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten, Rico, Oskar und das Herzgebreche, Rico, Oskar und der Diebstahlstein – So herzerwärmende und witzige Kinderbücher, ich bin total froh, dass meine Freundin Sina mir das erste geschenkt hat.

Loriot: Menschen, Tiere, Katastrophen – Zu Loriot muss ich nichts sagen, der steht für sich.

Lucy Maud Montgomery: Emily auf der Moon-Farm, Emily auf der High School, Emily in Blair Water – Als Teenager 100 mal gelesen und auch ein paar idiotische Vorstellungen über Stolz und ähnliches Zeug mitgenommen. Trotzdem, wenn man diese kanadischen Bücher mit den „Jungsmädchenbüchern“ aus Deutschland aus derselben Zeit vergleicht, dann sind sie echt um Welten besser: Unabhängige Frauen mit Ambiti0nen, die freie Wahl eines Partners, der nicht 15 Jahre älter ist… Insofern eine klare Empfehlung. (Und irgendwann schreibe ich vielleicht einen rant auf „Försters Pucki“.)

Julia Quinn: Bridgerton. Der Duke und ich – Die Serie war besser. (Die Serie war GROßARTIG!)

Alina Bach: Die Liebe in dunklen Zeiten – Erfahrungen aus einer Partnerschaft mit einem depressiven Partner. Aber nicht sooo ratgeberig. Vieles weiß ich leider nicht mehr.

Tove Jansson: Die Mumins. Geschichten aus dem Mumintal – Alle Geschichten von Tove Jansson sind toll. Weil die Figuren alle ganz selbstverständlich sie selbst sind. Das macht mich froh.

Henri Nouwen: Du bist der geliebte Mensch – Ich weiß nicht mehr viel. Aber es klingt gut, sich selbst als geliebt zu sehen. Obwohl es schon komisch war, so ein christliches Buch zu lesen. Sehr ungewohnt.

Susen Collins: Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele; Gefährliche Liebe; Flammender Zorn – Die Romane haben mich total geflasht: Intelligent, spannend und in einer sehr einfachen Sprache. Ich mag es ja klar und einfach. Habe tagelang auf dem Bett gelegen und gelesen, gelesen, gelesen.

Ilka Piepgras (Hg): Schreibtisch mit Aussicht – Darauf habe ich ja hier bereits ein Loblied gesungen.

Stephanie Quitterer: Hausbesuche. Wie ich mit 200 Kuchen meine Nachbarschaft eroberte – Das kannte ich eigentlich schon, aber es hat Spaß gemacht, es nochmal zu lesen. Eine wahre Geschichte von Selbstüberwindung, Nachbarschaft und Kuchen.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren – Der Autor guckt Wetten dass? und erkennt einen Kandidaten, der das Wetter in seinem Heimatdorf von vor 15 Jahren auf den Tag genau kennt. Er fährt hin, recherchiert, schreibt ein Buch. Also ein Buch, das fiktiv bleibt. Das Buch, das ich gelesen habe, besteht nämlich aus einem einzigen langen Interview mit dem Autor zu eben diesem fiktiven Buch, und es ist eine Freude, sich durch all diese Ebenen, vermengt mit ordentlich Anschauungen zu zu Ästhetik und Literaturbetrieb hindurchzuarbeiten. Wenn ihr schräge Bücher mögt, unbedingt lesen!

Saša Stanišić: Herkunft – So ein tolles Buch. Denn wo kommen wir schon her? Nachdenklich, witzig, sehr präzise sind die Geschichten von der Oma, die angeblich bei der Mafia war, von dem Dorf in dem noch 13 Menschen leben, auf dessen Friedhof aber alle Stanišić heißen, von der Flucht aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, wo das soziale Leben an einer Aral Tankstelle stattfindet. Große Empfehlung.

Jo Nesbø: Die Larve; Koma; Durst; Messer – Spannende Krimis. Leider habe ich jetzt alle durch.

Jasmin Schreiber: Der Mauersegler – Sehr sehr dichte Naturbeschreibungen. Eltern, die ihr Kind Prometheus Marvin nennen. (Als Pädagogin weiß ich: Das gibt es garantiert!) Und eine traurige Geschichte von großer Schuld. Eine kleine Versöhnung. Ich bin noch nicht sicher, wie ich es finde, es beschäftigt mich noch.

Flake: Heute hat die Welt Geburtstag – In einer Mitnehmkiste gefunden und sehr viel Spaß gemacht. Flake ist der Keyboarder von Rammstein, und wenn der beschreibt, worauf er bei der Arbeit achten muss – z.B. wenn Sänger Til Lindemann ihn in einem riesigen Kessel mit dem Flammenwerfer traktiert – dann hat man schon das Gefühl, dass er abends weiß, was er gemacht hat, wie es so schön heißt. In sehr naivem Ton erzählt er vom aktuellen Touralltag und von den Anfängen der Band, die ohne die DDR nicht denkbar gewesen wäre. In Leipzig sind sie damals übrigens in der naTo aufgetreten. Durften aber auch nur einmal kommen. Vielleicht könnte man sie ja so langsam mal wieder einladen.

Rainald Grebe: Rheinland Grapefruit. Mein Leben – Rainald Grebe ist ein toller Künstler. Er hat ein paar lustige Lieder, und wenn man dann tiefer einsteigt, dann findet man eine Schwere, in der ich mich oft wiedergefunden habe. Deshalb hat mich dieses Buch sehr berührt. Man beobachtet ihn während einer Reha, Schlaganfall, das weitere Leben steht auf der Kippe. Man blickt in die Vergangenheit und erfährt Geschichten, in denen er nicht immer gut aussieht. Und dann wird natürlich noch gelogen, was soll man auch machen. Ein mutiges Buch, wunderschön illustriert und gedruckt, gönnt euch!

Empfehlung: Schreibtisch mit Aussicht

Ich bin keine Kritikerin – viel zu feige. Oder vielleicht doch nicht? Ich habe mir vorgenommen, nicht zu feige zu sein, in Zukunft hier zu teilen, was mich begeistert. Und den Anfang mache ich mit dem wunderbaren Buch „Schreibtisch mit Aussicht“, in dem Ilka Piepgras Werkstattberichte von Schriftstellerinnen gesammelt hat. Was für ein Glück!

Sie wollte ihren Roman anfangen, aber dann bekamen der Hund Würmer und die Kinder Ferien, und so musste sie noch etwas warten. So ungefähr steigt gleich der erste Essay „Ich schreibe nur“ von Anne Tyler ein, ziemlich witzig, ziemlich wahr, denn wer „nur“ schreibt – der kümmert sich auch um Haushalt, Kinder, Hunde. Anders als ihr Mann, der seine Autorentätigkeit mit einer vollen Stelle als Arzt koordinieren muss, er schreibt nicht „nur“, aber seine Zeit zu schreiben ist denkbar knapp bemessen. Ist es da nicht Luxus, „nur“ für Haushalt und Kinder zuständig zu sein? Doch wann kommt sie zum Schreiben? (Spoiler: Es dauert.)

Eva Menasse weiß alle 15 Seiten nicht mehr weiter. Also liest sie ihre eigenen Worte, ändert hier eine Kleinigkeit, stellt dort etwas um, „flöhen“ nennt sie diesen Prozess. Bis es irgendwann doch weitergeht. „Flöhen“, dieses Wort kann ich so gut verstehen, ich finde es so einfach und so liebevoll. Geht so schreiben?

Geht so schreiben?

Antonia Baum schreibt sehr viel über ihren Babysitter. Über ihr kleines Kind und über Erschöpfung. Und wie stereotyp das alles klingt. Wie blöd das ist, als Frau immer wieder mit diesen Klischees um die Ecke zu kommen. Denn: „Das Problem ist das Problem“.

„Dies ist eine Geschichte über zwei Schriftsteller. Mit anderen Worten, eine Geschichte über Neid.“ Wie es ist, auf den ungleich erfolgreicheren Partner neidisch zu sein, das erzählt Kathryn Chetkovich so kompromisslos, dass das Lesen richtig weh tut. „Er kämpfte vielleicht, aber er glaubte an seine Arbeit. Das war das Erste, worum ich ihn beneidete.“

Ich könnte noch mehr Textstellen nennen. Sie alle haben mich ganz tief angesprochen, denn so unterschiedlich die Berichte der Autorinnen auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind ehrlich. Oft sogar schmerzhaft ehrlich. Ich will keine unlauteren Vergleiche aufmachen, aber so manches Buch mit Briefen irgendeines Autors (am schlimmsten: Ibsen) war dagegen so unaufrichtig und aufgeblasen, dass es ein echter Genuss ist, zu lesen, was diese klugen Frauen schreiben. (Ja, es gibt auch ehrliche Männer.) Dabei geht es immer wieder um die feministischen Klassiker: Vereinbarkeit von Care-Arbeit, Broterwerb und Schreiben. Sexismus eben auch im Literaturbetrieb. Unsicherheit in einem männerdominierten Literaturbetrieb. Man ahnt es.

Und dennoch handelt es sich nicht um eine Kampfschrift auf 270 Seiten, sondern vielmehr ganz präzise Beschreibungen davon, wie die Autorinnen in dieser Welt ihre Arbeit machen. Sehr prosaische Beschreibungen. Am wichtigsten scheint es wohl zu sein, sich hinzusetzen und – zu schreiben. Es zu tun. Und dann später zu flöhen.

Autorinnen teilen ihre Erfahrungen

Es geht auch nicht in jedem Text um feministische Themen, sondern vielmehr um Handwerk, um Zustände, in denen geschrieben oder nicht geschrieben wurde, um Erfahrungen, ja, da teilen Autorinnen ganz schlicht und einfach ihre Erfahrungen. Ein riesiger Schatz.

Und weil das Buch damit alles andere als eindimensional ist, weil es sich vor keinen Karren spannen lässt, deshalb ist es mir sehr schnell sehr wertvoll geworden. Es ist feministisch, aber nicht nur feministisch. Es beschreibt das Schreiben aus einer weiblichen Perspektive. Ich habe es sehr, sehr gerne gelesen.

PS: Es sind auch eine ganze Reihe illustrer Namen vertreten (die nenne ich jetzt nicht alle, das müsst ihr mir glauben), und auch der eine oder andere Name, den ich noch nicht kannte. Da gibt es also einiges zu entdecken, und ich werde bestimmt noch das eine oder andere Buch lesen, auf das ich sonst nicht gekommen wäre.

PPS: Hier die harten Fakten: Ilka Piepgras (HG): Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben. Kein & Aber: 2020.

2020 gelesen

Wie jedes Jahr habe ich mir notiert, was ich 2020 gelesen habe – und zwar ehrlich mit Höhen und Tiefpunkten. Bitte sehr:

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin. – Autorin macht nach einigen Misserfolgen in Fußpflege um dann wiederum davon zu erzählen; dieses Konzept kann ja nur funktionieren. Für mich eine überzeugende Mischung aus Literatur und …Füßen. Macht fröhlich, traurig, ehrlich.

Sybille Lewitscharoff: Apostoloff – Wegen des mir nichts sagenden Titel stand dieses Buch viele Jahre lang unberührt in meinem Bücherregal. Eine Verschwendung. Die abgefahrene Story, die ausschweifenden Beschreibungen Bulgariens sind es die Mühe wert, sich erstmal reinzufuchsen in all die vielen Namen und Situationen. Sollte Corona denn irgendwann mal vorbei sein, dann steht Bulgarien jetzt auf jeden Fall auf meiner Reiseliste.

Kari Herbert: Rebel Artists – Eine Bilderbuch für junge Frauen, und es ist richtig, richtig toll! Bekannte und unbekannte Künstlerinnen werden vorgestellt, immer kurz und knapp, aber Lust auf mehr machend. Und das Beste: Es ist total empowernd. Hätte ich gern zum 18. Geburtstag gekriegt.

Gerald Hüther, Marcell Heinrich, Mitch Senf: #educationforfuture – Das Buch von meinen ehemaligen Arbeitsgebern. Und Gerald Hüther, der natürlich eine Koryphähe ist. Die Gedanken in diesem Buch waren mir nicht unbedingt neu, aber wer so ungefähr meine Einstellung zur Schulbildung nachlesen will, der findet sie hier wunderbar zu Papier gebracht.

Liza Cody: Gimme more – Endlich mal wieder was zum Spaß gelesen. Schöne Geschichte zum Music Business, seltenerweise mit einem feministischen Dreh.

Lucy Maud Montgomery: Anne in Kingsport, Anne in Four Winds, Anne in Ingleside, Anne und Rilla – Zum ersten Mal verliebt, Anne und Rilla – der Weg ins Glück – Bücher, die man als Kind und Jugendliche tausendfach gelesen hat, haben einen besonderen Zauber: Jede Seite ist so vertraut. Ich hatte beim Lesen wieder das Gefühl in meine alte Kinderbettwäsche gekuschelt auf meinem Bett in meinem 8 qm-Zimmer zu liegen. War natürlich nicht so, und deshalb sind mir auch die zahlreichen Widersprüche schmerzhaft aufgefallen. Schlecht übersetzt? Vielleicht sollte ich die Reihe nochmal auf englisch lesen. Ohne das Bettwäsche-Gefühl.

Isaac Singer, Julian Jusim: Der Kaiser von China, der alles auf den Kopf stellte. – Meine Oma starb vor acht Jahren. Vorher hat sie mir noch dieses Bilderbuch über Trump geschenkt.

Toni Feller: Die Sünde – Dieses Buch habe ich mal beim KarliBeben gewonnen. Es ist schlecht. Vor allem die Art, wie über Homosexuelle geschrieben wird, ist unterirdisch. Trotzdem hat es mich darauf gebracht mal wieder Krimis zu lesen, und zwar…

Jo Nesbo: Kakerlaken, Der Fledermausmann, Rotkehlchen, Die Fährte – …gute Krimis.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts – Hat mir sehr gefallen. Die Charaktere, die Ironie, die Klostergans, kann ich alles empfehlen. Vielleicht besonders, weil ich aus dem Westen in den Osten gezogen bin.

Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriachats – Ich mag die Autorin, ich mag es, dass sie gerne mal eine steile These in den Raum stellt, am besten schön flapsig, und dann regen sich alle auf, und am Ende kommt einem die steile These ganz alltäglich und normal vor, gegen all den Staub, der da aufgewirbelt wird. Klasse Strategie. An dieser Sammlung ihrer Kolumnen mochte ich, dass man an ihr auch verfolgen kann, wie sie als Autorin gestartet ist und dann immer besser wurde. Macht Mut, selbst mit irgendwas loszulegen.

Ilona Einwohlt: Mein Pickel und ich – Dieses Buch habe ich auf dem Mülleimer eines Spielplatzes gefunden und anschließend auf dem Klo gelesen. Ich war einfach neugierig, was die Elfjährigen von heute so lesen, und Frau Einwohlt scheint ein ganzes Imperium um ihre Pubertätswerke herum aufgebaut zu haben. Sie gibt sogar feministische Seminare. Warum sie dann in ihrem Buch Mädchen beibringt, sich nicht zu aufreizend anzuziehen, weil dann „böse Männer“ kommen könnten, erschließt sich mir nicht. Davon mal abgesehen fand ich das Buch langweilig. Keine Empfehlung.

Emma Becker: La Maison – Eine Autorin, die als Hure arbeitet und dann darüber schreibt – das vermarktet sich natürlich von selbst. Aber ganz ehrlich: Seit ich das Buch gelesen habe, beschäftigt es mich, weil es eben nicht so eindimensional ist, wie man vermuten könnte. Weil Selbstbestimmung ein Wert ist, den ich der Autorin abkaufe. Weil ich den Wunsch, geliebt zu werden verstehe, und es spannend finde, wo in der Geschichte er auftaucht. Weil es witzig ist, heiß und auch sehr, sehr prosaisch. Interessantes Buch.

Und das waren sie, meine Bücher von 2020. Unter dem Weihnachtsbaum liegt schon ein großer Stapel mit Nachschub für das nächste Jahr. Ich schließe mit einem Lied, das dieses Jahr für mich wichtig war – und bin sehr, sehr neugierig auf 2021.

Bis denn!

Let`s dance to Joy Division

2019 gelesen

2019 war ein Jahr, indem ich hauptsächlich mit Krankheit und Genesung beschäftigt war. Was liest man da? Mehr Ratgeber. Also Augen zu und durch meine etwas seichte Leseliste 2019.

Funny Van Dannen: Zurück im Paradies.

Mascha Kaléko: Sei klug und halte dich an Wunder.

Johannes Hayers, Felix Achterwinkler: Schnall dich an, sonst stirbt ein Einhorn!

Jennifer Worth: Call the midwife.

Sabine Wehner-Zott, Prof. Hubertus Himmerich: Die Seele heilen. Ein Mutmachbuch für Depressive und ihre Angehörigen.

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter.

Keri Smith: Das Guerillakunst-Kit.

Kelsey Miller: I’ll be there for you. Friends. Alles über die beste Serie aller Zeiten.

Astrid Lindgren: Ferien auf Saltkrokan.

Natascha Wegelin: Miss Moneypenny.

Marie Kondo: Magic Cleaning.

Fabian Hirschmann: Und am Ende schmeißen wir mit Gold.

Maxie Wander: Tagebücher und Briefe.

Matthew Syed: Du bist awesome.

Patricia Cammarata: Sehr gerne, Mama, du Arschbombe.

Im letzten Jahr geliebt: Kinderbücher

„Im letzten Jahr gelernt“ – mit einer langen Aufzählung beendete ich vor einem Jahr hier auf dem Blog meine Elternzeit. Geblieben ist die Lust darauf, häufiger zu würdigen, was für tolle künstlerische Werke oder Orte ich dank des Mutter-Seins jetzt entdecken kann. Deshalb hier meine Lieblingskinderbücher aus dem letzten Jahr – keine Geheimtipps, sondern eine persönliche Zusammenstellung der Bücher, die mir (ja, mir!) im letzten Jahr am meisten Spaß gemacht haben.

An erster Stelle: Wimmelbücher

Dazu gehören ganz vorne die „Wimmelbücher“ von Rotraut Susanne Berner – das Herbst-Wimmelbuch musste ich phasenweise 1 Stunde am Tag akribisch durcharbeiten, mit Tiergeräuschen und allem. Die Welt von Wimmlingen ist unglaublich reich, Personen, Tiere und Geschichten werden über mehrere Bände immer wieder aufgegriffen und entwickeln sich weiter (Kinder werden geboren, Baustellen werden zu Häusern…), wie das Leben eben so ist. Und das Beste: Der Humor. Wenn die Nonne für den Laternenumzug extra eine Pinguinlaterne besorgt, dann macht das Gesamtbild einfach Spaß.

Das Wimmelbuch an sich ist allerdings längst als Marketing-Instrument entdeckt worden, und somit haben wir hier einiges an Literatur angesammelt. Hervorheben möchte ich die Ausgabe des Zoos Leipzig: Ausnahmsweise einfach dafür dass sie meinen politischen Ansprüchen genügt. Kinderbücher sind natürlich eine Kunstform und kein Erziehungsmaterial. Doch gerade weil der Zoo Leipzig eben in Sachsen liegt ist es ein Statement, dass hier Kinder aller Hautfarben, Kinder mit Behinderungen, Väter und Mütter in der Betreuungsrolle etc. völlig selbstverständlich ihre Abenteuer erleben. Zum Vergleich: Im „Leipzig Wimmelbuch“ kommen Frauen im Porsche-Werk nur auf der Besucher_innenebene vor (zusammen mit Kindern), schwarze Menschen sind praktisch nicht sichtbar usw. Dies dürfte den hiesigen Erwartungen im Großen und Ganzen entsprechen. Schön, dass der Zoo das anders macht!

„Das kenn ich schon!“ – ein famoses Bildwörterbuch von Moni Port. Gekauft habe ich es, weil ich den Prozess der Kategorienbildung im Spracherwerb so spannend finde. So hatte mein Neffe zeitweise ein Wort für alles, was cool ist und sich bewegt: also Tiere und Busse. Moni Port bedient in ihrem Buch die klassischen Kategorien, bricht aber auch immer wieder aus, wenn das Kuscheltier den Tieren zugeordnet wird und der alte Schuh der Natur – denn da wurde er schließlich gefunden. Ein großer Fan bin ich natürlich von der Kategorie NEIN!

Erste Geschichten

Die Geschichte „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ – die habe ich mir schon im Studium gekauft. Gute Literatur über Kacke, da muss man doch zugreifen. Wunderbar, die spannenden Teile der Geschichte mit der Beschreibung weicher, duftiger Tatsachen immer in Klammern zu setzen. Tatsächlich die erste Geschichte, die mein Sohn sich von Anfang bis Ende vorlesen ließ.

Die zweite war natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt“, oder wie es hier liebevoll genannt wird: „Raupesatt“. Kennt jeder: DIE Geschichte einer Metamorphose, wunderschöne Bilder, Löcher zum Finger reinpieken. Das Lieblingsbuch von George W. Bush. Somit wissen wir, dass er wenigstens ein gutes Buch gelesen hat.

Gut bebildert

Unzerreißbar, nicht mit Wasser aufzuweichen, extrem leicht – das Material war der Grund dafür, dass ich „Kunterbunt, na und“ von Guido van Genechten gekauft habe. Sehr praktisch, wenn Bücher auch gern als Nachspeise umgenutzt werden! Die Illustrationen sind allerdings einfach und trotzdem doppelbödig: Alle Krokodile haben eine Farbe, nur eins ist anders… Erst nach zig Durchgängen habe ich bemerkt, dass sich die Tiere nicht nur in puncto Farbe unterscheiden, sondern es auch immer noch andere Details gibt, so dass plötzlich ein ganz anderes Exemplar aus der Reihe tanzt. Echt gut gemacht!

Das Möge-Buch – so nennen wir „Ich mag“ von Constanze von Kitzing. Aus der Stadtbibliothek spontan herausgegriffen war es ein großer Erfolg. Die Struktur ist einfach: Ein Kind sagt, was es mag, auf der nächsten Seite genießt es genau das. „Ich mag den Regen!“ – „Ich mag kleine Sachen!“ – „Ich mag Baustellen!“ Mein Sohn kann es schon jetzt komplett „vorlesen“. Bilder und Ideen sind ein echter Genuss: So schön! So viel Tiefe! So viel Humor! Mein Highlight ist natürlich der Junge, der es mag, nachzudenken: bewegungslos mit angedeutetem Augenrollen. Das mag ich auch.

Ebenfalls aus der Stadtbibliothek kommt „Kleiner Bruder, großer Bruder“ von Inka Friese und Elena Shumilova, das ich einfach nur für mich mitgenommen habe. Es ist selten, dass eine Geschichte mit Fotos illustriert wird, und diese hier sind so idyllisch, dass ich sofort hineinschlüpfen möchte. Ein wenig beobachte ich an mir auch die Tendenz, die Geschichte als kitschig abzutun; doch das ist unfair. Sie erzählt von zwei, bald drei Brüdern, von großer Verlustangst und Trauer in einem Klima von Geborgenheit. Solche Geschichten könnten wir alle öfter brauchen.

…und was zum Singen!

Und zum Abschluss noch ein Kracher: „Das kleine Kinderliederbuch“ (gesammelt von Anne Diekmann). Das haben schon mein Bruder und ich zerfleddert, und es macht großen Spaß, die Lieder laut und falsch zu schmettern und die deftigen Bilder von Tomi Ungerer zu bestaunen (Brüste, Blut, „Kind Popo?“-alles dabei). Wir sollten alle öfter singen, oder?

Das waren sie, meine Highlights. Über Tipps freue ich mich sehr. Und wenn ihr in Leipzig wohnt: Geht alle in die Buchhandlung Serifee. Da sehen wir uns dann!

PS: Da ich weder von Serifee, noch von irgendeinem Verlag Geld für diesen Post bekommen habe, dürft ihr euch die Verlagsinformationen im Zweifel selbst raussuchen. Aber das lohnt sich!