Der Windbeutel

Ein trockenes Vollkornbrötchen will ich jetzt nicht essen. Die Nussschnecken sehen lecker aus, aber ich kann doch nicht immer und schon wieder Süßkram frühstücken. Vielleicht ein Rosinenbrötchen, gähn. Oh, was ist das? Riesige gefüllte Windbeutel stehen ordentlich aufgereiht in der Auslage, trotz all der Sahne sehr akkurat. Ich bin fasziniert. Wenig später suche ich mir mit Tee und Windbeutel einen schönen Platz in der Bäckerei und beobachte den draußen vorbeiziehenden Straßenverkehr. Koste den ersten Happen. Gut.

Hinter mir raschelt es. Eine ältere Dame, ebenfalls bewindbeutelt, rückt den Stuhl neben mir zurecht. Ob sie sich zu mir setzen dürfe, sie säße jeden Morgen an diesem Platz und äße zwei Windbeutel, nur heute habe sie nur einen bestellt, weil sie schon soviel Stollen gegessen habe, und man wolle ja nicht fett werden. Sie pustet die Backen auf, als sie das sagt, und natürlich antworte ich, dass sie sich gerne setzen könne und natürlich frage ich mich, ob ich lieber hätte nein sagen wollen.

So sitzen wir nun da, vor unserem Gebäck, draußen hat die Linie 74 grün bekommen, und sie erzählt, vor 19 Jahren sei ihr Mann gestorben. Sie hätte danach durchaus Möglichkeiten gehabt, drei Anwärter habe es gegeben, aber dann hätte sie ja einkaufen, kochen, putzen müssen und wir seien ja nicht bekloppt. Grinst sie mich an.

Dann erzählt sie mir von ihrer Kindheit in Böhmen, wie sie für ihre ganze Familie Pilze gepflückt habe, wie schön es vor dem Krieg gewesen sei. Wie sie dann in ein Lager habe gehen müssen, über 4000 Frauen und Mädchen seien dort gewesen. Wie die Sekretärin der Lagerleitung sie angewiesen habe, in das Zimmer am Ende des Ganges zu gehen. Wie überrascht sie gewesen war, dass dort weder ein Tisch noch ein Stuhl stand, nur eine Matratze ohne Laken auf dem Boden. Wie der Mann gekommen war, sie auf die Matratze gedrückt habe – ich dachte, der rammelt mich tot. Wie sie zurück in den Schlafraum gegangen sei, mit zerrissenen Kleidern, und ihrer Schwester nicht erzählen durfte, was passiert war. All das erzählt sie mir. Sie ist 91 Jahre alt, sie weint, sie klappt ihren Windbeutel auf, sie isst. Mein Herz tut ganz weh.

Ich will ihr etwas schenken, etwas Gutes, etwas was ihr zeigt, dass ich mich habe berühren lassen, denn was sonst könnte ich ihr geben? Hektisch blättere ich durch mein Notizbuch, finde ein Blumenbild aus einer Zeitschrift, schenke es ihr. Sie freut sich so sehr, viel zu sehr. Wir verabschieden uns herzlich, ich gehe, mein Herz tut immernoch weh, ihres mit Sicherheit auch. Und doch ist da etwas froh in mir und dankbar.

Genau so ein Mensch will ich sein, der für das Erzählen einer solchen Geschichte dankbar ist.

Randnotizen V

Wenig schreibe ich zur Zeit – aber ein paar Notizen aus meinem Alltag haben sich doch mal wieder angesammelt. Dieses Mal mit zu leckerem Kuchen, einem sprechenden Baby und dem Wunsch ein Reh zu sein. Meine Pinnwand kann ich nicht fotografieren, denn ich bin nicht zu Hause. Aber vielleicht helfen ja Abitur und Yoga gegen meine fotografische Phantasielosigkeit?

Vorm Bäcker, wartend. Zwei hippe junge Frauen trinken Smoothies. “Also meine Mutter hat mir neulich ein ganzes Blech Kuchen gebacken. Ein ganzes Blech! Wie viele Kalorien das hat!” – “Und meine Mutter so: Nein, da ist gar nichts drin, in dem Erdbeerkuchen… Aber da waren Eier drin, Milch, Butter, alles…” Ihre Mütter machen alles falsch mit den Kuchen. Ich denke, dass ich das hätte sein können, vor einigen Jahren, die sich so über den falschen Kuchen und die Mutter beklagt. Und dass ich, seit ich Mutter bin, alles genauso falsch machen will.

Informationen für kinder

Kinderstadt. Zwei Jungs rennen zum Helferzelt, wichtige Frage: “Gibt es schon eine Polizei?” – “Nein, noch nicht.” – “Ah, gut!” Sie laufen davon.

Freibad. Ich stille meinen Sohn. Kinder fragen, was wir da machen, Eltern antworten, dass er noch ein kleines Baby sei, das gestillt werden müsse. Mein Sohn ist zweieinhalb. Was in so einer Situation nicht hilft: Wenn das kleine Baby kurz absetzt, verkündet, die Brust sei heiß und dann weitertrinkt.

Die Härten des Lebens

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Am Straßenrand stehen ein älterer Mann und eine sehr alte Frau. Diese schreit fürchterlich herum, sie wolle nach Hause… Der alte Mann fasst sie am Arm und brüllt sie an: Du kannst nicht nach Hause, du bist zu bekloppt dafür, du muss ins Heim!” – Dann bin ich schon wieder weg. Aber ich muss noch lange über diese brutale Ehrlichkeit nachdenken.

“Ach wäre ich doch ein Reh, dann könnte ich diese lecker aussehenden zarten grünen Spitzen an den Fichten abknabbern…”, denke ich. Jeden Frühling. Liebe Biolog_innen, fressen Rehe Fichtentriebe? Und liebe Psycholog_innen, gibt es eine Diagnose für den Wunsch, ein Reh zu sein? Semi-normale Grüße, eure Solveig

Grünau wünscht…

Seit zwei Wochen bin ich als Amtsleiterin des Amtes für Wunscherfüllung und Vielleicht-Management im Auftrag des Haus Steinstraße e.V. in Leipzig-Grünau unterwegs und befrage die Menschen zu ihren Wünschen. Vieles gäbe es zum Konzept zu erzählen, doch vorerst zähle ich einfach Mal auf, was ich gehört habe – Menschen in Grünau wünschen sich:

Dass es in Grünau mehr als eine Bibliothek gibt. Eine kleine Schwester. Abkühlung. Dass die Sparkassenfiliale wieder eröffnet. Dass die Baumstämme aus dem Robert-Koch-Park abtransportiert werden. Wieder Kontakt zu den (erwachsenen) Kindern zu haben. Ein schönes Café, in dem man auch Mal essen gehen kann und wo nicht nur das Gesindel hingeht. Einen Ferienpass. Urlaub. Dass die Krankenkasse die Podologie bezahlt, wenn der Arzt sie verordnet. Bessere Barierrefreiheit im öffentlichen Nahverkehr. Saubere Spielplätze ohne Kippen und Scherben. Mehr Hilfen für Alleinerziehende, auch wenn die Kinder schon etwas größer sind. Beratung in Liebesdingen mit dem Ziel der Eheschließung. Dass man als Mensch mit Behinderung ernst genommen und respektiert wird. Dass der Rest von Leipzig nicht auf Grünau herabschaut. Mehr Polizeipräsenz. Dass man erfährt, was ein Amt in Bezug auf den eigenen Wunsch tut, wenn man dort anruft und sein Problem schildert. Eine Muschel mit einer Perle darin zu finden. Dass die Lieferfahrzeuge zum netto-Supermarkt die eigens gebaute Zufahrt nutzen anstatt durch die Dahlienstraße zu fahren. Ein Sternburg. Mehr Parkbänke. Dass die ostdeutsche Sprache nicht ausstirbt. Dass die Mittags-und die Nachtruhe eingehalten werden. Gesundheit. Einen Laden, in dem die Kunden veranlassen können, dass jemand etwas für sie im Internet bestellt. Dass weniger Bäume gefällt werden. Eine Ballonfahrt. Dass Dyskalkulie der Lese-Rechtschreibschwäche gleichgestellt wird. Eine_n deutsch-kurdisch-Übersetzer_in. Dass das Kindergeld erhöht wird. Dass es eine Nacht lang einen rechtsfreien Raum gibt, so dass man Ausländer erschießen kann. Längere Öffnungszeiten im Stadtteilladen. Dass die schadhafte Stelle an der Treppe ausgebessert wird. Hilfe bei der Wohnungssuche. Weltfrieden. Ein Kind.

Randnotizen

Ein paar Notizen aus meinem Alltag – für mich als Materialsammlung, für euch, falls es interessiert. Dieses Mal mit einer sehr wütenden Dame, dem üblichen Verwaltungswahnsinn und dem Scheitern an meinen eigenen Ansprüchen:

Wilhelm-Leuschner-Platz, mein Sohn übt das freie Stehen, ich beobachte Leute. Plötzlich eine ältere Frau, gepflegt, schlohweißes Haar, brüllt: DAS SOLLEN IHR JETZT ALLE MAL ERKLÄREN, ES HAT NICHT IMMER RECHT, WER RUHIG BLEIBT, BRÜLL BRÜLL UND SO WEITER… Blick zum Sohn, den juckt es nicht. Die Frau steht inzwischen vor einem glänzenden BMW und brüllt weiter. Ich verspüre Lust, mitzumachen. Hat sie nicht irgendwie Recht?

Brief vom Finanzamt, man mahnt meine Steuererklärung 2016 an. Die ich erst machen kann, wenn das Finanzamt 2015 abgeschlossen hat, denn erst dann wird mein Elterngeld abschließend berechnet, und daraus ergibt sich mein Einkommen. Das ich vermutlich gar nicht vesteuern muss, weil zu niedrig. Davon hängt dann wieder ab, was ich von meiner Krankenkasse zurückbekomme. Und muss ich das dann auch nochmal angeben? Mein Kopf ist mit Knoten gefüllt.

Spielplatz I: Sitze mit einer anderen Mutter im Sandkasten, wir quatschen. Außer uns sind nur Väter mit Kindern da. Aber die sitzen alle einzeln.

Spielplatz II: Ein kleiner Junge stellt sich vor mich hin und fragt, warum ich meine Kirschkerne ins Gebüsch werfe. Ein Gespräch entwickelt sich. Er findet die Bäume toll, wenn er groß ist, wird er mit einem Seil hinaufklettern und von Baum zu Baum steigen. Sein Papa kann das (bestimmt, Anmerkung d. Verfasserin) auch. Und und und. Ein zweites Kind kommt dazu. Ich gucke mich um und bin die einzige Erwachsene, die sich mit einem Kind unterhält. Frage: Ist es falsch, sich mit fremden Kindern zu unterhalten?

Zugfahrt Ruhrgebiet – Leipzig. Neben uns steigen 2 Teenager ein, Junge und Mädchen, die Mutter des Mädchens erklärt nochmal, wo sie aussteigen sollen. Junge spricht sehr laut, beide freuen sich auf ihren Urlaub. Unterwegs sprechen sie über Schwulenrechte, Bier und Kaffee und wie weit es noch ist. Woran habe ich sofort gemerkt, dass sie eine Behinderung haben? Ich freue mich, dass die beiden ihren Urlaub genießen und ihrer Schublade zumindest teilweise entsprungen sind. Und schäme mich, dass ich selbst innerlich sofort die Schublade aufgezogen habe.