2025 gelesen

Natürlich bin ich viel zu spät dran, für jeden Rückblick, Ausblick, wahrscheinlich auch Einblick. Was soll´s, die letzte Woche war stressig und ich komme zurecht so spät dazu, meine Leseliste 2025 zu teilen. Was habt ihr gelesen oder vorgelesen?

  1. Andreas Ruch: Die drei ??? – Das Rätsel des Flamingos – vorgelesen. Das Imperium der ??? bietet jede Menge Unterhaltung, wenn auch eigentlich lieber als Hörspiel. Beim Namen Ruch denke ich allerdings immer ans ZPS, das schafft schön Verwirrung.
  2. Cornelia Funke: Igraine Ohnefurcht – vorgelesen. Sehr schönes Ritterbuch mit interessanten Figuren und Kindern, die den Laden ganz gut schmeißen, während ihre Eltern just zur Belagerung leider indisponiert sind.
  3. Erik Kessels: Fast perfekt. Die Kunst, hemmungslos zu scheitern. Wie aus Ideen Fehler entstehen. – gelesen. Wenn du auf den Balkon treten willst, aber leider keine Tür eingebaut wurde. Dann hat Erik Kessels hoffentlich ein Foto gemacht. Ein Künstler, der das Bemerkenswerte im Alltag würdigt, absolut mein Ding.
  4. Silke Vry, Marie Geissler: Dusty Diggers – Die mausetoteste Mumie aus dem alten Ägypten. Das Geheimnis von Tutanchamun. – vorgelesen. Archäologie im Lichte der menschlichen Unverfrorenheit und Dummheit, noch dazu mit einer Menge wissenschaftlicher Fakten und interessanten Bildern. Schöne Reihe für Menschen, die noch daran glauben, dass man als Wissenschaftler_in das Haus verlassen darf.
  5. Anja Rützel: Take That – gelesen. Witzig, liebevoll, faktenreich – man stelle sich vor, dies würde jmd über ein Buch zu Friedrich Merz schreiben. Tatsächlich habe ich nach der Lektüre ein paar Wochen lang Take That-Musik gesuchtet und so auch die heiße Wahlkampfphase überstanden.
  6. Richard Reynolds: Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest. – gelesen. So viele tolle Sachen, die Menschen überall auf der Welt mit Pflanzen machen. Wäre hierzulande auch in so mancher Kleingartenanlage angebracht.
  7. Jeff Kinney: Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt – vorgelesen. Und die drölfzig übrigen Bände als Hörbuch gehört. Und ich habe das Erfolgsgeheimnis: Neben den Protagonist_innen der Geschichte dürfen wir Erwachsenen uns alle wie gute Eltern fühlen. Und die Eltern von Rupert shamen. Rupert, ey!
  8. Astrid Lindgren: Madita – vorgelesen. Mein Lieblingsbuch aus Kindertagen. Mir war gar nicht klar, wie oft auf die Bibel Bezug genommen wird. Dennoch war mein Heidenkind sehr interessiert und neugierig.
  9. Anja Rützel: Saturday Night Biber – gelesen. Wie es ein Mann geschafft hat, dass ihm eine wilde Hirschgruppe so sehr vertraut, dass er sie anfassen kann. Das nächtliche Geräusch domestizierten Kakerlaken in ihren Wohnboxen. Wie man Alpakas mit Respekt führt, obwohl sie nicht geführt werden wollen. Anja Rützel kriegt es raus, Anja Rützel beschreibt es ganz wunderbar.
  10. Rebecca F. Kuang: Yellowface – gelesen. Ein schlauer Thriller, der sich mit antiasiatischem Rassismus und dem Literaturbetrieb beschäftigt.
  11. Kurt Tucholsky: Vorne die Ostsee, hinten die Friedrichstraße – gelesen. Jede Seite klug und witzig!
  12. Terézia Mora: Das Ungeheuer – gelesen. Das Buch ist schon ein Ungeheuer, jede Seite in zwei Felder, zwei Perspektiven aufgeteilt, der Weg des Protagogisten führt durch halb Europa und seine Trauer konnte ich auf jeder Seite spüren. Zugleich finden sich so viele absurde, abenteuerliche und robuste Momente, dass trotz der für mein Empfinden zu kurz gegriffenen Darstellung von Depression insgesamt ganz viel Liebe zur Fehlerhaftigkeit den Menschen übrig bleibt. Worum es geht? Mann verliert Frau durch Suizid und fährt mit dem Auto immer weiter.
  13. Astrid Lindgren: Ferien auf Saltkrokan – vorgelesen. Was passiert eigentlich in diesem Buch? Ein Vater fährt mit seinen Kindern über den Sommer auf eine kleine Insel. Und was passiert dann? Eigentlich nichts. Aber das Buch macht glücklich.
  14. Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte – gelesen. Warum eigentlich sind Depression und Therapie so oft Steigbügelhalter für irgendwelche Geschichten?
  15. Kjell Ola Dahl: Die Frau aus Oslo – gelesen. Spannend und mit Spionin.
  16. Marc-Uwe Kling: Die Spurenfinder und das Drachenzepter – gelesen und vorgelesen. Kling entwickelt sich immer mehr zu einem Autor, auf den man sich als Familie einigen kann. Vielleicht, weil seine Kinder langsam in den Familienbetrieb einsteigen. Jedenfalls: Witzige Fantasy mit nicht zu dezenter Gesellschaftskritik und der wahren Geschichte, wie Kartoffelchips entstanden sind.
  17. Quichotte: Lieblingsbäcker. Auf Leben und Brot. – gelesen. Hin und wieder mal ein Scheibchen davon zu lesen ist ganz nett.
  18. Margret Wittmer: Postlagend Floreana – gelesen. Echte Erfahrungsberichte von einer Ausgewanderten, die mit ihrer Familie auf einer kleinen Galapagos-Insel mit wilden Hunden, extremen Temperaturen, vor allem aber mit den Nachbarn aus Deutschland zu kämpfen hatte. All das ist wahr, und einen nicht aufgeklärten Mordfall gibt es noch obendrauf. Ich schwanke nun seit Monaten zwischen Respekt und seidihreigentlichkomplettbescheuert?!
  19. Margareta Strömquist: Astrid Lindgren – gelesen. Astrid Lindgrens Biografie, zuletzt ja auch in Teilen verfilmt, zeigt eine kreative und äußerst hartnäckige Frau, die es geschafft hat, trotz widriger Bedingungen ihre Zeit nicht nur zu leben, sondern auch zu gestalten. Möglicherweise hätte sie einiges heute anders gemacht, aber ihr Engagement gegen Gewalt gegen Kinder hat viel verändert, gerade in Deutschland. Kurz gesagt: Ganz schön mutige und humorvolle Frau.
  20. Hannes Richert: Comics für den gehobenen Pöbel – gelesen. Und genossen. Witzig, dödelig, derb und manchmal herrlich dumm.
  21. Till Reiners: Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen. Begegnungen mit besorgten Bürgern. – gelesen. Wie schnell so ein Buch schon wieder Zeitdokument ist. Till Reiners trifft Menschen, die Pegida gut finden und beschreibt sehr schön, wie er mit der Zeit immer weniger Bock hat, ihnen zuzuhören. It’s a dead end… Kurzweilig geschrieben, aber ich fürchte, das Konzept war von Anfang an zu kurz gegriffen. Egal: Das wussten viele vor 10 Jahren nicht.
  22. Maria Kling: Freddy und Flo gruseln sich vor gar nichts – vorgelesen. Geschwister ziehen mit Vater + neuer Lebensgefährtin in Haus, Haus stellt sich als Gruselhaus heraus, Kinder freunden sich mit den darken Nachbarn an, gemeinsam kämpft man gegen die Oberschurken und wächst als Familie zusammen. Und nebenbei lacht man sich dann beim Vorlesen krumm und schief, weil es so viele köstliche Wortspiele und Querverweise gibt.
  23. Michael Ende: Der Wunschpunsch – vorgelesen. Die magische Welt für die Umweltverschmutzung – man merkt, wie Michael Ende zu seinem Thema kam. Zusammen mit dem Kind zu versuchen, den endloslangen Zauberbegriff Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch ohne zu stocken vorzulesen ist trotzdem ein hervorragender Spa0.
  24. Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels – gelesen. Ein Ort an dem Menschen bis in die kürzeste Minute hinein kontrolliert werden, an dem jede Bindung verdächtig und jede Zuneigung auszumerzen ist – wie machen sie das? Sie, das sind in diesem Fall Pädagog_innen, Ärzt_innen, Psycholog_innen in einem dänischen Kinderheim der 60er Jahre. Und die Antwort, so beobachten einige Kinder über lange Monate, die Antwort liegt in der Zeit. Kaum ein Buch hat mich so mitgenommen, wie dieses; die Geschichten einiger junger Menschen, die die winzigsten Lücken und Ungenauigkeiten in den erwachsenen Plänen dazu nutzen, auszubrechen und eine echte, verbundene Wirklichkeit zu suchen. Es ist brutal, es ist tieftraurig und doch auch ganz wunderbar – obwohl es kaum Anlass dazu gibt, bleibt eben doch das Gefühl, dass jede Sekunde sich selbst gehört und jede Begegnung zählt.
  25. Elke Vesper: Schreckliche Maria. Das Leben der Suzanne Valadon. – gelesen. Schon zig Mal. Gute Unterhaltung, sehr viel gut recherchiertes Wissen um die Kunstgeschichte der Jahrhundertwende, fabelhafte Bildbeschreibungen. Und eine ordentliche Portion guten alten 80er Jahre-Feminismus obendrauf. Verleihe ich nur, wenn ich es auch zurückkriege!
  26. Eugen Ruge: Capo de Gata – gelesen. Kalte spanische Küste, Katzen und eine Frau mit einem absurden Hintern. Ich kann jetzt auch nicht mehr erklären, wie das alles zusammenhing, aber es war angenehm zu lesen.
  27. Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt – gelesen. Endlich mal ein neuer Ansatz für feministische Geschichten! Frauen, die nicht mehr nur über ihre Rechte reden, sondern auch gezielt Gewalt anwenden: Gegen sich, aber auch gegen andere. Dieses Buch hat die Kraft, einigen ordentlich in die Fresse zu hauen und ist deshalb absolut diskutierenswert. Leider hat es in meinem Umfeld niemand gelesen, oder doch?
  28. Heribert Schwan: Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl – grob gelesen. Das war dann ein schöner Kontrast zum letzten Buch. Und wie kaputt und traumatisiert die Menschen doch waren, die die BRD aufgebaut haben. Noch ein Wort zum Autor: Wäre ich mit ihm verheiratet (was abwegig ist), nach diesem Buch wäre ich eifersüchtig. Da wird viel verehrt, aber dennoch wenig ausgelassen.
  29. Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer – gelesen. Richtig witziger historischer Roman über die Jugend von Annette von Droste-Hülsdorff. Und wie schwierig das Leben mit geistig unterlegenen Männern im Patriarchat eben ist. Und wie wenig Ahnung man vom Knutschen hatte.
  30. Kathrin Köller, Irmela Schautz: Richtig anders, anders richtig – gelesen. Große Empfehlung für alle mit Kindern die im neurodivergenten Spektrum unterwegs sind. Endlich eine wertschätzende Perspektive auf ADHS, AuDHAS usw., gendersensibel geschrieben und direkt an Jugendliche ab 11 Jahren gerichtet. Sollten aber auch alle Erwachsenen lesen!
  31. Maria Kling: Freddy und Flo – Verliebt, verlobt, verhaftet – vorgelesen: Siehe oben. Irgendwann müssten wir eigentlich noch das mittlere Buch der Trilogie gelesen haben…
  32. Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt – gelesen. Sehr lakonische Beschreibung großer menschlicher Intelligenz, großer Forschergeister und auch ziemlich großer emotionaler Unterentwicklung. Alles in allem sehr unterhaltsame Schilderung der Arbeit, auf der unsere heutige Welt beruht – und die eben letztendlich einfach menschlich war.
  33. Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück – gelesen. Beim Aufräumen aus dem Regal gezogen und gleich wieder hängengeblieben: So ein sensibles Buch über eine Familie, an der die DDR und die Wende natürlich nicht spurlos vorbeigegangen sind.
  34. Caroline Wahl: 22 Bahnen – gelesen. Wollte den Hype verstehen. Hier meine Analyse: Wenn du Netflix willst, bist du hier richtig. Ich will durchaus auch oft Netflix, und Caroline Wahl kann schon okay schreiben. Was mich genervt hat: Dass alle in ihrem Elend so toll aussehen. Und dass es natürlich wieder überhaupt keine Hilfe gibt, geschweige den Hilfsstrukturen. Von mir aus hätte das Buch auch doppelt so lang sein können, ich hätte es gerne gelesen. Schließlich gibt es auch auf Netflix besonders tolle Sachen.
  35. Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht. – gelesen. Der erste Strömquist-Comic, der hier und da ein bisschen lang war… Und dann sieht man zum 586. Mal Leonardo DiCaprios Gesicht, wenn er ein neues Sports Illustrated Swim Suit-Model datet. Unbezahlbahr.
  36. Michael Ende: Momo – vorgelesen. Für mich ein Wiedererkennen nach langer Zeit, für mein Kind ein handfester Krimi. Und Ausgangspunkt für ein Nachdenken über die Zeit.
  37. Till Raether: Die Architektin– gelesen. Der „Journalist“ trägt noch von Mutti gebügelte Hemden, in der Redaktion säuft man sich heimlich tot und der Assistent der Architektin bumst die Sülze, die eigentlich für die Geldgeber bestimmt war. Alles so detailverliebt und absurd beschrieben, die Handlung zum Ende hin so selbstbewusst überdreht, dass ich mich danach noch wochenlang gefragt habe, mit welchen Bambi-Stars ich das ganze Werk verfilmen würde. Ich hoffe, das passiert bald und empfehle bis dahin dieses Buch!
  38. Martin Muser: Das ist nicht lustig – vorgelesen. Geschichten rund um drei Chaotenkumpels, einen häufig heulenden kleinen Bruder und Opa Eule. Lustig und traurig und schön für Eltern und Kinder.
  39. Deniz Ohde: Ich stelle mich schlafend – gelesen. So eine tolle Autorin, so ein tolles Buch, dass sich in seiner Sprache über zig Kapitel aufbaut, dass es seiner Protagogistin überhaupt nicht leicht macht und dann am Ende in einer ganzen Kaskade abliefert. Keine „red flags“, nur die schlichte Beobachtung, dass es Frauen gibt, die glauben, dass es nun mal so ist, dass Männer Anspruch auf sie erheben, die sich schützen, in dem sie zustimmen, indem sie runterspielen, indem sie schweigen. Dass das wahr ist, das wissen wohl leider die meisten von uns. Die Protagonistin des Romans muss es über viele Jahre lernen, ihr Rückrat muss sie dafür im Wortsinn stabilisieren, und am Ende fliegt dennoch einiges in die Luft. Empfehlung!
  40. Åsa Larsson: Weiße Nacht – gelesen. Sommer in Nordschweden, Hunde, Mücken, ein Mordfall. Lange nicht mehr so eine schöne Sprache in einem Krimi genossen
  41. Denn die Gier wird euch verderben – Noch ein schöner Krimi, wenn auch nicht mehr so fein, wie der obige.
  42. Bis dein Zorn sich legt – gelesen. Siehe oben.
  43. Astrid Lindgren: Erzählungen – vorgelesen. Weniger bekannte Geschichten von Astrid Lindgren. Vie religiöses, manch trauriges, aber auch immer wieder Hoffnung.
  44. Andreas Steinhöfel: Anders – gelesen. Eine interessante Geschichte um Schuld und Verantwortung eines Kindes – und nein, es geht nicht um Handy oder Puppe, sondern um einen verbrannten Hühnerstall mit 60 toten Tieren. Irritierend fand ich die einfache aber trotzdem relativ blumige Sprache.
  45. Janine Barchas, Isabel Greenberg: Jane Austen. Ihr Leben als Graphic Novel. – gelesen. Wie abhängig man sein kann, bloß aufgrund seines Geschlechts! Der Comic schildert die Lebensumstände von Jane Austen, und wenn die nicht so nette Brüder gehabt hätte, würde ich einige meiner Lieblingsbücher jetzt gar nicht kennen.
  46. J.K.Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban -vorgelesen. Man kann die Potter-Bücher trefflich kritisieren, aber: Sie funktionieren. Vorzulesen und dabei an jedem zucken und glucksen zu hören, wie sehr ich meinen Sohn damit am Haken habe, ist ein Genuss.
  47. Kaleb Erdmann: Die Ausweichschule – gelesen. Am Ende des Jahres noch ein richtig gutes Buch, das ich wärmstens empfehlen möchte. Endlos lang stolpert man hinter dem Erzähler her, durch sein neurotisches Leben als Autor, durch Erinnerungen an einen bestimmten Schultag am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, durch das gesammelte Wissen um den dortigen vergangenen Amoklauf – und um die Frage, wie man, ob man darüber schreiben könnte. Das weiß ich nicht, aber diesen Text habe ich sehr gern gelesen.

2024 gelesen

Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch allen!
Und natürlich starte ich mit meiner absolut ehrlichen Leseliste 2024, mit Kinder- und Erwachsenenliteratur, Schund und Entdeckungen, Bekanntem und Abseitigen. Und weil es so eine Mischung ist, schreibe ich dieses Mal auch dazu, wie ich auf das betreffende Buch gekommen bin.
Was habt ihr gelesen? Und was sollte ich mir 2025 unbedingt ansehen? Wie immer freue ich mich über Tipps!

  1. Matthew Perry: Friends, Lovers and the big terrible thing – Ein Weihnachtsgeschenk, drum auch gleich gelesen. Man kann sich natürlich für Friends und Matthew Perry interessieren, mich hat dann aber vor allem die Geschichte seiner Sucht interessiert. Gedanke: Werden manche Leute gerade deshalb medizinisch schlechter behandelt, weil sie so reich sind?
  2. Michal Hrorecky: Troll – Bücherschrank in Essen-Werden. Ich müsste viel besser über osteuropäische Geschichte bescheid wissen, um hier alles zu verstehen. Die Beschreibungen allerdings sind verstörend und hängen geblieben.
  3. Peter Härtling: Liebste Fenchel! Das Leben der Fanny Hensel-Mendelsohn in Etüden und Intermezzi – Aus irgendeiner Bücherkiste. Ein schlichter Roman über eine Frau, die stets in den Schatten ihres Bruders gestellt wurde – und dennoch viel erreicht hat.
  4. Katja Lewina: Sie hat Bock – Von einer lieben Freundin bekommen. Es geht um Sex und Feminismus und Selbstbestimmung. Alles gute Sachen. Für mich persönlich waren jetzt aber nicht so wahnsinnig neue Erkenntnisse dabei.
  5. Marc-Uwe, Johanna & Luise Kling: Der Spurenfinder – Ein Geschenk. Ein lustiges Fantasy-Buch, darauf musste die Welt lange warten. Mein Sohn hat beim Vorlesen gequietscht vor lachen.
  6. Wolf Küper: 1 Million Minuten – Vom Partner gewonnen. Ja, da gab es ja auch einen Film, und Filme werden im Filmquiz erraten und so fand das Buch in unseren Haushalt… Durchaus interessant, wenn auch ganz anders gewichtet, als in der Verfilmung. Besonders spannend: Als Elternteil den Kindern die Erfahrung gönnen, wie man selbst in einer coolen Sache so richtig versagt. Kann man machen, aber viele können es nicht.
  7. Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück – Buchhandlung. Welche Spuren hinterlässt das Leben in einer (oder zwei) Diktaturen? Was hat die Menschen, die heute unsere Welt gestalten geprägt? Wie spüren wir es in den Beziehungen, Familien? Ein absolut absolut absolut interessantes Buch. Persönlich, konkret und doch mit einem ganz weiten Horizont. Lest es alle.
  8. Tobias Schlegl: Strom – Buchhandlung. Etwas schematisch und unterkomplex, kann man leicht zwischendurch lesen. Zum Beispiel, wenn ein fieberndes Kind auf einem liegt.
  9. Edvard Hoem: Die Hebamme – Buchhandlung. Der Titel klingt heutzutage leider fast schon nach „Die Wanderhure“, tatsächlich ist die „Hebammenkunst“ aber ein Pfeiler, damit Frauenrechte gewahrt und Frauengesundheit gesichert werden kann. Für dieses Wissen läuft die Protagonistin 1000 km weit – und weiß nach ihrer Ausbildung doch immernoch viel zu wenig. Eine undramatische, aber eindrucksvolle Erinnerung an den Wert von Bildung.
  10. Wolfgang Ainetter: Geheimnisse, Lügen und andere Währungen – Geschenk vom lasterhaften Bruder. Der Schlüsselroman eines engen Ex-Mitarbeiters von Andi Scheuer. Einige Anekdoten wundern einen denn auch gar nicht, die Geschichte selbst ist eher grob konstruiert.
  11. Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt – Buchhandlung. Natürlich großartig.
  12. Saša Stanišić: Vor dem Fest – Buchhandlung. Ein hervorragender Erzähler. Brandenburg. Und eine Fähe. Ich mag es sehr.
  13. Danielle Graf, Katja Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten… die Jahre 5-10 – Mitnehmkiste. Tatsächlich ein praktisches, gut erklärtes und recherchiertes Erziehungsbuch. Sollte nicht nur von Müttern gelesen werden.
  14. Andreas Steinhöfel: Dirk und ich – Bestand des Sohns. Einfach sooo lustig. Geschichten aus dem Leben zweier Brüder, die permanent immer noch weiter eskalieren. Eins meiner liebsten Vorlesebücher, immer und immer wieder.
  15. Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten – Geschenk einer lieben Freundin. Die ganze Reihe ist einfach hervorragend – für Kinder und Erwachsene. Allein die Charaktere sind dermaßen schön, skurril und wahr – und das Erzählen aus Sicht eines Tiefbegabten erst recht. Plus: Es macht richtig Lust darauf, verwegen durch die Großstadt zu streunen, bzw. den Kindern diesbezüglich mehr Freiheiten zu lassen. Zumindest meins dankt es mir!
  16. Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Herzgebreche
  17. Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und der Diebstahlstein
  18. Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch
  19. Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Mistverständnis
  20. Deniz Ohde: Streulicht – Buchhandlung. Ein richtig gutes Buch, grobe Tatsachen ganz fein formuliert – über Armut, Bildungsungerechtigkeit, die ominösen „sozialen Unterschiede“. Ich konnte mir jede Szene der Geschichte viel zu genau vorstellen, wahrscheinlich, weil sie überall um uns herum stattfinden. Ein wichtiges Buch für alle, die begreifen und fühlen wollen, warum manche Menschen nie eine Chance bekommen.
  21. Judith Schalansky: Taschenatlas der abgelegenen Inseln – Geschenk. Was klingt, wie ein Buch über Südseeparadiese, liest sich am Ende als Zusammenstellung von Orten übelster kolonialer Verbrechen, Einsamkeit und brutalen Lebensumständen. Ich meine das trotzdem als Empfehlung!
  22. Otfried Preußler: Die Abenteuer des starken Wanja – Bücherschrank auf Usedom. Eine gute Geschichte, ein guter Ezähler, alles etwas bedächtig geschrieben, aber das schadet nicht.
  23. John Green: Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) – Bücherschrank Messe Magistrale. Auch ein extrem hoher IQ ist nicht immer ein Entwicklungsvorteil, schon gar nicht, wenn man sich verliebt. Banal? Na klar. Aber John Green mixt die Banalitäten dermaßen kurios, dass eine große Liebe letztendlich an einem Franz Ferdinand-Denkmal im mittleren Westen der USA wartet, natürlich erst, nachdem man verprügelt wurde und die örtliche Fabrikantin von Tampons-Rückhol-Fäden als liebevolle Betrügerin entlarvt wurde. Genießt es.
  24. Anne Scheller: Escape School. Das Zauberbuch – Bestand des Sohns. Ein Buch als Escape Room für Kinder. Klingt eigentlich nach mir, was? Wir hatten Spaß.
  25. Lutz Seiler: Kruso – Buchhandlung. So ein spannendes Buch, ich konnte es nicht aus der Hand legen, beschäftigte mich noch wochenlang mit Fluchtrouten über die Ostsee – gefährliche Wege, auf denen viele Menschen auf der Flucht aus der DDR ertranken. Als wäre das nicht genug, steckt jede Seite dieses dichten Romans voll mit Codes, Beschreibungen, Gefühlen, ich hätte so gern alles verstanden. Geblieben ist das vage Gefühl, dass immernoch zu selten gefragt wird, wie es sich eigentlich angefühlt hat, 89/90 irgendetwas zu tun.
  26. Marc-Uwe Kling: Quality.Land 2.0 – Geschenk. Klug, unterhaltsam, wenn ich etwas anderes schreiben würde, würde ich wahrscheinlich irgendwo downgegradet. Ein bisschen schade, dass die menschlichen Aspekte von Körpern kaum eine Rolle spielen – alle fügen sich dem digitalen System. Alle? Nein, natürlich gibt es auch ein paar Aussteiger_innen. Aber das kleine, rebellische „Im-Schritt-kratzen“ von Otto Normalverbraucher, das kommt nicht vor.
  27. Laetitia Colombani: Der Zopf – Vom Partner gewonnen. Recht einfach konstruiert, schnell gelesen.
  28. Henning Mankell: Die Brandmauer – aussortiert vom Onkel. Ich mochte schon immer die Wallander-Krimis, diesen kannte ich schon, hab ihn nochmal gelesen und was soll ich sagen? Ich kann mich kaum erinnern. Mit diesem Gehirn-Status hat man immer genug zu lesen.
  29. Martina Hefter: Hey, guten Morgen, wie geht es Dir? – Buchhandlung. Ich mag Martina Hefter sehr, deshalb habe ich das Buch gelesen, bevor der ganze Buchpreis-Meyer-Wahnsinn losging. Ein Stück weit kann ich den Aufruhr verstehen, denn das Buch ist anders, als viele Buchpreisgewinner der letzten Jahre: Unaufgeregt, die Konflikte im „Normalen“ suchend. Nicht so schwierig wie möglich, sondern vielmehr eine Einladung an alle, die Wege der Geschichte mitzugehen. Und voll von klugen Beobachtungen über Bedürftigkeiten, zu Hause und rund um den Globus. Wahrscheinlich wäre es noch vor Kurzem übersehen worden. Zum Glück wird es jetzt gelesen! Vielleicht sogar von all diesen unsicheren Fremdwort-Menschen.
  30. Connie Mareth, Ray Schneider: Haare auf Krawall. Jugendsubkultur in Leipzig 1980-1991 – Mitnehmkiste. Sehr interessant und wieder ein Puzzleteilchen für mich, um die DDR etwas besser zu verstehen.
  31. Barbara Abel: Mutterinstinkt – vom Partner gewonnen. Funktioniert als Film vielleicht ganz gut, aber als Buch doch sehr schematisch. Ich mag es auch nicht, wenn Kinder wie kleine „Kindheits-Roboter“ geschrieben werden.
  32. Tove Jansson: Mumins wunderbare Inselabenteuer – Geschenk. Eines Tages sieht sich der Muminvater um und stellt fest, dass alle Mitglieder der Familie ohne ihn glücklich, zufrieden und beschäftigt sind. Was nun, was mit sich anfangen? Tief unglücklich stellt er fest, dass eine Insel mit einem Leuchtturm entdeckt werden will und die ganze Familie segelt los. Die liebevollste Beschreibung toxischer Männlichkeit, die ich je gelesen habe.
  33. Marc-Uwe Kling: Views – Geschenk. Leicht zu lesen, klare Gesellschaftskritik, kann man machen. Allerdings gefährlich nah an der Empfehlung zur Schullektüre.
  34. Richard Thiess: Mordkomission. Wenn das Grauen Alltag wird. Der Leiter einer Mordkomission berichtet über wahre Fälle. – Vom Onkel aussortiert. Alles ziemlich traurig, definitiv kein Job für mich. Der Autor schreibt präzise und mit großem Stolz auf seine Mitarbeiter_innen. Politisch eingeordnet wird eigentlich nichts – sonst hätte auffallen müssen, dass ein Großteil der beschriebenen Morde Femizide sind. Trennung vom Mann: Offenbar richtig gefährlich.
  35. Andreas Steinhöfel: Paul Vier und die Schröders – Bestand des Sohns. Etwas schematischer, als die anderen Bücher des Autors.
  36. Martin Muser: Das ist nicht lustig! – Vom Sohn ausgesucht. Recht lustig, wenn auch nicht immer. Und die Kinder sind gegen die PfD – Popolöcher für Deutschland.
  37. Herbert Renz-Polster: Erziehung prägt Gesinnung – Buchhandlung. Was haben Kindheiten mit autoritären politischen Einstellungsmustern zu tun? Eine ganze Menge, und der Autor liefert nicht nur Meinungen, sondern auch Erkenntnisse aus der Forschung. Zum Beispiel, dass in den Swing States, in denen die Gewaltrate an Kindern besonders hoch war, dann eben auch Trump gewählt wurde. Und inwiefern die Prinzipien von Konkzurrenz und Kooperation sich auf unsere Zukunft auswirken könnten. Dieses Buch wird zu wenig gelesen!
  38. Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht – Buchhandlung. Diese Geschichte ist rund um die Holzstiche des französischen Künstlers Gustave Doré aufgebaut. Und wie immer bei Moers brauchte ich eine Weile um reinzukommen – bis er mich dann eben doch wieder erwischt hat.
  39. Barbara Robinson: Hilfe, die Herdmanns kommen – geliehen. Die lustigste Beschreibung der Weihnachtsgeschichte, die ich je gelesen habe.
  40. Barbara Robinson: Achtung, die Herdmanns sind zurück – geliehen. Und wieder: Die asozialen Herdmanns sind die einzig Normalen in der Stadt. Garantiert ohne moralischen Teil!
  41. A. Wolkow: Der Zauberer der Smaragdenstadt – Bücherschrank Waldstraßenviertel. Ein Klassiker, am meisten mochten wir den Typen, der sich permanent seinen Bart kämmt. Zu schade, dass keine_r von uns einen Bart hat!
  42. Ulf Blanck: Die drei ??? Gauner in Rocky Beach – REWE. Es gab da so eine Aktion, und deswegen habe ich einen Haufen ???-Bücher vorgelesen. Aber natürlich auch gehört!
  43. Ulf Blanck: Die drei ??? Gefährliche Wellen – s.o.
  44. Tove Jansson: Herbst im Mumintal – Im Herbst sind viele Bewohner_innen des Mumintals ganz schön pissig, auch, weil die Mumins selber gar nicht da sind. Dem Sohn war es zu mühsam, aber wer eine taktvolle Würdigung anstrengender Nachbarn sucht, ist hier richtig.
  45. Tove Jansson: Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft – Geschenk. Ein Buch, ein warmes Gefühl.
  46. Andreas Ruch: Die drei ??? und der Bärenkopf – s.0.
  47. Marc-Uwe Kling: Das NEINhorn und der Geburtstag – Daumen hoch.
  48. Anna Jonas: Das Erbe der Hohensteins – Ferienwohnung. Die Familie HOHENSTEIN lebt auf dem DrachenFELS und auf 500 Seiten erfahren wir, wie diese reiche Familie ihr Leben in den 20ern gestaltet? Natürlich habe ich das gelesen. Spoiler: Valerie wird vom Koch geschwängert, aber erst nach der Hochzeit, und Hans tritt nun doch nicht der NSDAP bei. Check.
  49. Silky Vry, Marie Geissler: Dusty Diggers: Der cool tätowierte Jäger aus der Steinzeit. Das Geheimnis von Ötzi – Buchhandlung. Wusstet ihr, was die mit der Ötzi-Mumie alles gemacht haben, bis da mal ein Archäologe dran durfte? Das Lesen verursacht fast körperliche Schmerzen. Nichts für zarte Kinder, aber mein Sohn fand es super.
  50. Alex Haridi, Cecilia Davidsson, Filippa Widlund: Weihnachten im Mumintal. Nach einer Erzählung von Tove Jansson – Geschenk. Ja, das hört sich schlimm an, so nach „die Erben melken das Erbe von Tove Jansson ab“ – aber wenn das Ergebnis so zauberhaft ist, dann verzeihe ich alles. Zumal die Mumins Weihnachten nicht kennen, rücksichtslos aus dem Winterschlaf geweckt werden und aus der allgemeinen Hektik schließen (müssen), dass Weihnachten eine ganz große Gefahr bedeutet, die man nur mit gutem Essen, einem geschmückten Baum und allerhand Lichtern besänftigen kann… Oder man geht dann irgendwann doch einfach ins Bett. Wenn das mal nicht weise ist!

Und das waren sie – meine Bücher 2024. Shoutout an meinen Vater, der mir zum Geburtstag geschenkt hat, in dieser wunderbaren Buchhandlung in Eisenach so richtig zuzuschlagen. Shoutout an all die Menschen, die ihre aussortierten Bücher in Bücherschränke oder Mitnehmkisten legen – ich habe dort schon so viele Schätze gefunden. Shoutout an all die Autor_innen, die die ganzen Bücher schreiben! Und Shoutout an meinen Sohn, weil Vorlesen mit ihm einfach immer Spaß macht. Bis bald, mit Buch!

Randnotizen VII

Endlich mal wieder Randnotizen! Mit Kindern, die immer lernen, Erwachsenen, die es nie lernen und Seehunden, die wahrscheinlich Hilfe brauchen, fragt selbst.

Auf dem Weg zu meinem Termin laufe ich außen am Friedenspark entlang. Zwischen den Büschen eine staubige Baustelle. Zwei Stunden später Rückweg durch den Park, die Bauarbeiter sind weg und hier steht… Eine öffentliche Toilette! Wenn das mal keine gute Idee ist! Hinter dem Häuschen biege ich ab auf die Straße. Es steht noch keine Stunde. Ein Mann uriniert gegen die Rückwand. Keine Pointe.

Weihnachtsfeier, angenehme Leute, ich lerne noch kennen. Man erzählt sich, was man so macht, einer berichtet, er arbeite als Feel Good Manager. Was das bedeute, möchte ich wissen, und er spricht von Team Building und guter Arbeitsatmosphäre. Dann geht er Getränke holen und ich beobachte einen uralten und geradezu peinlich sozialdemokratischen Impuls an mir: Ich will verdammt nochmal lieber einen Betriebsrat!

Weihnachtseinkäufe. Ich verlasse einen Laden und stolpere geradewegs in das lauteste und dreckigste Lachen, dass ich je gehört habe. Hier rührt ein Bösewicht in einem Kessel, hier wird ein teuflischer Plan geschmiedet, hier – Hier steht ein schmächtiger Obdachloser und beobachtet die Passanten. Beiläufig schlendert er weiter, genau hinter eine Frau – und ES lacht wieder, der Gehweg wackelt, die Frau macht einen Satz. Ich folge dem Mann, nachdenklich betrachtet er eine BurgerKing-Filiale. Dann tritt er ein, die Tür fällt zu, eine Sekunde vergeht – und ich sehe durch die Glasfassade, wie die gesamte Kundschaft zusammenzuckt. Es ist der Grinch!

Spiele, die man mit Nummernschildern spielen kann

Spiele, die man mit Nummernschildern spielen kann (powered by the Sohn): 1. E-Autos zählen, 2. Herkunftsländer zählen, 3. Bundesländer zählen und versuchen alle 16 an einem Tag zu sehen, 4. Buchstaben sagen, 5. Mit den Buchstaben einen Satz bilden, 6. Plaketten angucken, 7. Zahlen sagen, 8. Gesamtzahl (üben zu) sagen, 9. Vergleichen, welche Zahl am höchsten ist, 10. Die Zahlen addieren; 11. Gucken, ob man mehr Nullen oder Os findet (sehr gern kompetitiv), 12. Gucken, ob man mehr Sechsen oder Neunen findet (s.o.), rote, grüne, schwarze Nummernschilder suchen, 13. Das Nummernschild mit der niedrigsten Zahl/höchsten Zahl finden, – trefft mich, wie ich der Landesregierung vorschlage, den Lehrer_innenmangel mit Nummernsschildern auszugleichen.

Zum ersten Mal bin ich in der Stadtbibliothek ganz oben, noch hinter der Musikbibliothek, ich brauche etwas aus dem Magazin. Die Mitarbeiterin sucht, sucht wieder, plötzlich durchfährt ein gewaltiger Lärm den riesigen Raum, was kann das sein, es klingt wie… ja wie ein größerer Seehund, der im Lüftungsschacht eingeschlossen ist und um Hilfe ruft. Ich frage die Frau, ob hier ein größerer Seehund im Lüftungsschacht eingeschlossen ist und um Hilfe ruft. Sie schaut mich nachdenklich an und nickt. „Wir wissen auch nicht, woher das immer kommt…“ Wenn ihr in die Stadtbibliothek geht, nehmt ein paar Heringe mit.

Wann kommt die Impfpflicht?

Ich liege im Bett, Corona-frei erkältet, und scrolle durch die Berichterstattung zu Covid 19. Ich hatte ein bisschen den Anschluss verloren, dieses Virus bestimmt inzwischen schon so lange unseren Alltag, dass mich das Gefühl beschlichen hatte, es sei schon alles gesagt.


Im Prinzip stimmt das auch, nur: Wir fangen gerade einfach wieder von vorne an. Die Inzidenzen sind riesig, gerade hier in Sachsen, die Ansteckungsgefahr damit vor allem aber nicht nur für Ungeimpfte größer denn je, die Intensivstationen sind heillos überlastet. Und: Über jede Pups-Maßnahme, die diese Lage verbessern könnte, wird diskutiert, als solle flächendeckend Strychnin ins Trinkwasser eingespeist werden. Wir argumentieren ähnlich wie mein fünfjähriger Sohn im Angesicht der Zahnbürste, aber genauso dringend wie das Zähneputzen ist eben auch: die höhere Impfquote. Die Alternative (für Deutschland) lautet Durchseuchung, und das bedeutet faktisch, schwächere Menschen sterben zu lassen, damit wir uns nicht impfen lassen müssen. Kinder und Kranke. Ernsthaft?

Kinder und Kranke. Ernsthaft?

Das böse Wort in dieser Debatte lautet „Impfpflicht“, und natürlich ist das auch nicht schön: Der Staat greift in die körperliche Unversehrtheit der Bürger_innen ein. Absolut problematisch.
Allerdings tut der Staat das sowieso – auch wenn er keine Impfpflicht einführt. Etwa wenn Eltern durch die Schulpflicht gezwungen sind, ihre ungeimpften Kinder zur Schule zu schicken. Oder wenn ein_e Herzpatient_in stirbt, weil die Notaufnahme wegen Covid 19 überfüllt ist und ein weiter entferntes Krankenhaus angefahren werden muss. Oder auch ganz einfach, wenn wir alle, ob geimpft oder ungeimpft (die Impfung schützt nur vor schweren Verläufen) bei jedem verdammten Einkauf Angst vor der Ansteckung haben müssen.

Oder auch nicht, denn hat man von diesem Zustand längst die Nase voll und will einfach leben. Demo, Clubbing, Kölle Alaaf. Ich kann`s verstehen. Aber die Quittung kriegen wir dann auch wieder alle.


Jede potentielle Wähler_innenstimme von einem_r Querdenker_in scheint genauso viel wert zu sein, wie die von 10 Impfbefürworter_innen. Dabei wird man diese Menschen sowieso nicht erreichen. Ob Geflüchtete, Umweltschutz oder eben Covid-19, es gibt in Deutschland eine Szene, die sich auf die großen Themen draufsetzt und sie für sich nutzt. Und je mehr Raum man ihnen gibt, desto mehr Menschen verunsichern sie. Das ist hier passiert.

Ich will die Impfpflicht. Für alle.

Und deshalb bin ich da jetzt auch komplett undiplomatisch.
Ich will die Impfpflicht. Für alle.
Ich will, dass alle Bürger_innen ihren Impftermin unaufgefordert vom Gesundheitsamt bekommen, und wer den nicht einhält, muss entweder ein Attest des_der Amtsarzts_ärztin einreichen, oder bis zur Bewältigung des Infektionsgeschehens zu Hause bleiben.
Ich will, dass das kontrolliert wird.
Und ich will zusätzlich Vernunft im alltäglichen Zusammenleben: Keine Großveranstaltungen bei den aktuellen Inzidenzen.
Ist das nicht einfach gesunder Menschenverstand?
Oder bin ich da komplett verblendet?
Grüße vom Erkältungslager.

Von Pädagogik in Kultur und Sport

Mein Sohn interessiert sich für Fußball. Anlass für mich, über die integrative Kraft von Sport nachzudenken und ziemlich unzufrieden mit den Fußballvereinen zu werden.

Wieder und wieder wird die integrative Kraft des Sports beschworen. Als mein Sohn sich für Fußball interessiert, mache ich mir Gedanken und vergleiche Kultur- und Sportpädagogik in Bezug auf Integration. Spoiler: Der Sport schneidet nicht so toll ab.

Und dann war es passiert: Mein kleiner Sohn stand fasziniert am Rand des Fußballplatzes und sah den kickenden „großen“ Jungs zu. Vor meinem inneren Auge zog das nächste Hobby in unsere Familie ein, ein weiteres Hobby, mit dem ich nichts am Hut habe: Sportvereine. Als hätte seine Autoleidenschaft mir nicht gereicht. Nun also: Fußball.

Damit wir uns richtig verstehen: Gegen den Sport „Fußball“ habe ich nichts, im Gegenteil, ich habe selbst gespielt. Mit der inoffiziellen Mannschaft der Theaterwissenschaft SPVGG Nemesis bolzte ich jeden Sonntag durch den Park, und unser einziges Spiel gegen die Medizin verloren wir nur knapp (0:6). Das Ganze war eine wunderbare Erfahrung, ging es in dieser Mannschaft doch darum zu lachen und befreundet zu sein. Seitdem mache ich (wieder) gerne Sport. Nur eben ohne das Leistungsprinzip.

Und noch ein weiterer Punkt zum richtigen Verständnis: Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn talentierte Kinder und Jugendliche ihren Sport auf hohem Niveau betreiben und danach streben, besser zu werden – so sie das selber wollen. Ich möchte niemanden aufhalten. Aber dass es im Schulsport weniger um Leistungssport und mehr um Gesundheitsförderung gehen sollte, ist meines Erachtens eine Selbstverständlichkeit.

Es geht immer mehr um Leistung.

Da stand er nun also, mein Sohn, eine Horde Grundschüler kickte hingebungsvoll, ein Vater/Torwart gab den Trainer und viele schlaue Anweisungen. Später am Abend ließ ich meine Gedanken schweifen und googlete ein paar Leipziger Fußballclubs. Auf der Ebene der „Bambini“, also der Kindergartenkinder, war viel von Spiel und Spaß die Rede, die Leistung stand nicht im Vordergrund. Nach und nach sollte dann während der Grundschulzeit das Spielen gegen andere Vereine etabliert werden, mit anderen Worten Tuniere. Es geht also von Jahr zu Jahr mehr um Leistung. Wer Fußball spielt, möchte das Spiel gewinnen, das liegt in der Natur der Sache.

Gedanklich wanderte ich weiter zu zahllosen Gelegenheiten, bei denen die integrative Kraft des Sports und die Wichtigkeit der Sportförderung hervorgehoben wurden. Und dann eben wirklich zum Traumziel der Kinder und Jugendlichen, dem Spitzensport. Der Spitzenfußball ist reich, mehr als reich. Aber integriert er die Menschen? Ein kurzer Blick zurück auf die EM und die Haltung der UEFA zum Bekenntnis zu LGBTQI+ reicht, um Grenzen sichtbar zu machen. Und überhaupt, diese Haltung um jeden Preis unpolitisch zu sein, was ganz offensichtlich sowieso nicht funktioniert – führt die zur Integration von Menschen, oder steht ein Arbeiter in Katar nicht doch eher draußen? Und mit „draußen“ meine ich außerhalb eines Raums, in dem Menschenrechte und Menschenwürde von Bedeutung sind. Könnte die FIFA nicht einfach sagen, jawohl, wir halten uns raus aus der Tagespolitik, aber die UN-Menschenrechtskonvention, an die halten wir uns öffentlich? Würde halt viele nice Geschäfte stören.

Da war ich nun bei den großen politischen Unstimmigkeiten des Spitzensports angekommen, und dabei war ja noch nichts weiter passiert, nur ein paar kickende Jungs und ein faszinierter Sohn. Aber was würde geschehen, falls er wirklich in einen Sportverein gehen wollen würde? Ich würde ihn natürlich lassen. Und insgeheim würde ich seinen Verein, die dortige sportpädagogische Arbeit mit der kulturpädagogischen Arbeit vergleichen, die ich früher gemacht habe, die soviele Kolleg_innen immernoch machen. Gehen die Trainer_innen auf die Ideen der Kinder ein? Gibt es „richtig/falsch“, oder werden alle Gedanken der Kinder aufgegriffen? In welcher Weise wird bewertet? Und, ganz wichtig, wer wird integriert und wer nicht? Tatsächlich werden Mädchen bei den Vereinen immerhin theoretisch integriert. Inwiefern ausländische Kinder und Jugendliche im Sportverein landen dürfte davon abhängen, ob sie jemanden kennen, der ihnen den „Weg“ dorthin zeigt. Behinderte Kinder und Jugendliche? Damit müssen sich Sportvereine anscheinend nicht befassen.

Für mich war das normal.

Für mich war das aber normal: Lernbehinderung. Autismus. Rollstuhl. Ab auf die Bühne und eine Inszenierung machen, dabei das Kind in seinen Kompetenzen sehen und wertschätzend fördern. Ein Kind das kein Deutsch sprach? Ab auf die Bühne, dann machen wir halt Pantomime. Eine extrem talentierte Jugendliche? Da muss ich eben vermitteln, damit alle zusammenarbeiten können. Denn bei aller individuellen Förderung: Die Inszenierung soll schon trotzdem schön sein, damit auch alle stolz darauf sein können.

Diese Anforderungen sind anstrengend, aber ich will sie auf keinen Fall mindern. Nein, ich will, dass sie auf den Sport ausgedehnt werden, weil das ganz einfach echte Integration bedeuten würde. Es kann ja nicht sein, dass alle, die integriert sein wollen Theater spielen müssen – ist ja auch nicht jedermanns Sache. Rollstuhlfahrer_innen in die Fußballvereine! Auch wenn sich deren Arbeit dann verändern muss. Gerade weil sich deren Arbeit dann verändern muss.

Bislang kenne ich nur einen Verein, dem ich das theoretisch zutrauen würde: Roter Stern Leipzig e.V. Aber wie cool wäre es, wenn es nicht nur eine mixed abled Tanz-Company im LOFFT gäbe, sondern auch eine mixed abled Mannschaft bei RB-Leipzig?

Man wird ja noch träumen dürfen. Mein Sohn träumt auch.

Unsere Brache. Eine Liebeserklärung.

Ein bisschen verboten aber nicht zu gefährlich – mein Sohn und ich erforschen die Brachfläche im Leipziger Südosten.

Robinien haben weiche, federleichte Blätter und spitze, harte Dornen. Wenn ich unsere Brache vom S-Bahnhof Leipzig MDR aus betrete, hängt genau auf meiner Augenhöhe ein Beutel Hundekot in diesen Dornen. Seit die Blätter gewachsen sind, kann ich ihn nicht mehr sehen. Es ist April.

Die letzten Wochen haben wir oft hier verbracht – während Corona den Alltag lautlos vor die Wand fuhr, verbrachten mein Sohn, meine Mutter, mein Partner und ich den Frühling zwischen Glasscherben, Betonbrocken und Wildblumen. „Unsere Brache“ – das sind die lose durch Verkehrswege voneinander getrennten Brachflächen die sich vom Bayerischen Bahnhof bis fast nach Connewitz erstrecken. Ein ganz neues Stadtviertel soll hier entstehen, aber das, was dafür zerstört werden wird, das lässt sich nicht planen und nicht bauen.

Ein bisschen gefährlich, aber nicht zu verboten

Für ordentliche Menschen sieht der Ort natürlich siffig aus: Siffige Matratzen, ein siffiges altes Waschbecken und sehr viel kaputtes Zeug. Drauf darf man streng genommen auch nicht, aber die Zäune sind schon lange niedergetrampelt, das einzige Tor steht wochentags eh offen und wo kein Kläger ist – schon klar. Zugleich liefert diese „Zaun-Situation“ natürlich den winzigen Hauch Nervenkitzel, den Stadtkinder viel zu häufig gar nicht erleben können – etwas machen zu können, war ein bisschen verboten, aber nicht zu gefährlich ist. Die Pfützen sind hier größer, als in jedem Park, und mit Steinen darf man werfen, denn es ist genug Platz. Stundenlang haben wir Züge beobachtet (rote oder grüne Türen?). Die Kieshaufen auf der einzigen schon vorhandenen Baustelle umsortiert. Eidechsen beobachtet und Stöcke in tiefe Löcher geworfen. Abbruchhäuser erkundet und einen selbst gebauten Skaterpark entdeckt.

Als es Sommer wurde, begann mein Sohn, Glasflaschen zu zerschmettern. Stundenlang suchten wir Flaschen und dann einen Ort, an dem die Scherben niemanden beeinträchtigten. Und dann ging’s los: Ein bisschen asi, aber eine Sektflasche schafft mein Kind mit einem einzigen Wurf. Auf keinem Spielplatz der Welt könnte ich ihn das machen lassen.

Auch kulinarisch ist die Brache spannend: Zugewuchert mit Brombeeren, Kräutern, Blumen… Wir kochten Robinienblütensirup, ärgerten uns über den trockenen Sommer, der alle Brombeeren auf dem Gewissen hatte und fanden einmal sogar köstliche Rauke (Rucola). Mein Sohn weiß, was giftig ist und was lecker, und er weiß auch, dass man nicht in Hundehöhe pflückt. Die „siffige Brache“ war auch: ein naturpädagogischer Lernort.

Vor allem waren wir hier frei

Vor allem aber, und dafür liebe ich diesen Ort, waren wir hier frei, und mit uns viele andere Menschen. Der Vater, der mit seinem Sohn regelmäßig Einrad fahren übte. Die Jungs mit ihren Verstärkern und E-Gitarren, die stundenlang in der Sonne jammten und allen gute Laune machten. Die Unbekannten, die überall Vulven auf die Wege sprühten. Das Teenager-Pärchen, das sich in einen Autoreifen kauerte und gegenseitig wegen eines unbekannten Kummers tröstete. Und eben auch wir, die nach und nach jeden Winkel der Brache erforschten. Fast jeden.

Nun wird es Herbst, die letzten Blumen leuchten gelb, wir stöbern inzwischen nur noch am Wochenende. Irgendwann wird es losgehen, dann wird das gesamte Areal eine Baustelle, Wohnungen mit Parkplätzen werden entstehen und all die versteckten Scherben, Stöcke und Steine werden verschwinden. Und damit auch ein Stück Leipzig, dass mir sehr sehr lieb geworden ist. Denn das beste an Leipzig, das sind die Brachen.

Randnotizen V

Wenig schreibe ich zur Zeit – aber ein paar Notizen aus meinem Alltag haben sich doch mal wieder angesammelt. Dieses Mal mit zu leckerem Kuchen, einem sprechenden Baby und dem Wunsch ein Reh zu sein. Meine Pinnwand kann ich nicht fotografieren, denn ich bin nicht zu Hause. Aber vielleicht helfen ja Abitur und Yoga gegen meine fotografische Phantasielosigkeit?

Vorm Bäcker, wartend. Zwei hippe junge Frauen trinken Smoothies. „Also meine Mutter hat mir neulich ein ganzes Blech Kuchen gebacken. Ein ganzes Blech! Wie viele Kalorien das hat!“ – „Und meine Mutter so: Nein, da ist gar nichts drin, in dem Erdbeerkuchen… Aber da waren Eier drin, Milch, Butter, alles…“ Ihre Mütter machen alles falsch mit den Kuchen. Ich denke, dass ich das hätte sein können, vor einigen Jahren, die sich so über den falschen Kuchen und die Mutter beklagt. Und dass ich, seit ich Mutter bin, alles genauso falsch machen will.

Informationen für kinder

Kinderstadt. Zwei Jungs rennen zum Helferzelt, wichtige Frage: „Gibt es schon eine Polizei?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Ah, gut!“ Sie laufen davon.

Freibad. Ich stille meinen Sohn. Kinder fragen, was wir da machen, Eltern antworten, dass er noch ein kleines Baby sei, das gestillt werden müsse. Mein Sohn ist zweieinhalb. Was in so einer Situation nicht hilft: Wenn das kleine Baby kurz absetzt, verkündet, die Brust sei heiß und dann weitertrinkt.

Die Härten des Lebens

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Am Straßenrand stehen ein älterer Mann und eine sehr alte Frau. Diese schreit fürchterlich herum, sie wolle nach Hause… Der alte Mann fasst sie am Arm und brüllt sie an: Du kannst nicht nach Hause, du bist zu bekloppt dafür, du muss ins Heim!“ – Dann bin ich schon wieder weg. Aber ich muss noch lange über diese brutale Ehrlichkeit nachdenken.

„Ach wäre ich doch ein Reh, dann könnte ich diese lecker aussehenden zarten grünen Spitzen an den Fichten abknabbern…“, denke ich. Jeden Frühling. Liebe Biolog_innen, fressen Rehe Fichtentriebe? Und liebe Psycholog_innen, gibt es eine Diagnose für den Wunsch, ein Reh zu sein? Semi-normale Grüße, eure Solveig

Randnotizen IV

Ein langes Wochenende ist rum – mal wieder Zeit für ein paar Notizen aus meinem Alltag. Dieses Mal mit vielen Arztgesprächen, obwohl ich gar nicht krank war, einem philosophischem Gespräch in kindlichen Begriffen und meditativen Aufenthalten an einer Baustelle. Das Beitragsbild zeigt einmal mehr meine Pinnwand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Den Gutschein kann ich vermutlich nicht mehr einlösen, oder?

Ich bin mit dem Sohn auf dem Spielplatz. Er spricht neuerdings sehr viel. Gerade hat es eine vertrocknete Pflanze entdeckt und zerrt daran.
– Mama, Mama!
+ Das ist eine Pflanze. Die ist tot.
– Fanze. Fanze dit. Dit!
Es ist das erste Mal, dass ich höre, dass mein Kind das Wort „tot“ ausspricht. Ich merke, wie er prüft, was das neue Wort bedeuten könnte. Wieviele philosophische Denkschulen habe ich mit meinen sieben Wörtern jetzt umgesetzt oder nicht umgesetzt?

Arztgespräche

Arztgespräch I: Mit meinem Sohn unterwegs: Der Gehweg ist ein Stehweg. Er fummelt also an einem Zaun rum, ich warte mütterlich-geduldig-resigniert-die Sonne genießend. Eine junge Frau kommt mir entgegen, schiebt ihr Rad mit Kindersitz, lebhaft telefonierend. Sie kommt mir bekannt vor. „Klar, ich mach das gerne! Operieren, das kann ja jeder Handwerker…“ Klar, das ist meine Orthopädin!

Arztgespräch II: Ich werde noch eine Weile vor diesem Zaun stehen, und deshalb schweife ich ab, zu einem anderen Arztgespräch – schwanger (noch geheim) stand ich am Burgermeister und zog mir Pommes rein (nur das ging). Am Nebenstehtisch wieder eine lebhafte junge Frau, offenbar vom Klinikum Borna (bekannt für einen sehr bedürfnisorientierten Stil im Kreißsaal): Wassergeburt sei doch eklig, da sträube sich ja schon alles in ihr dagegen, ein Kind in dieses verkeimte Wasser zu kriegen. Sie stünde den ganzen Tag im OP, ja, Kaiserschnitte. Ja, unter der Haut sei so eine weiße Schicht, die man dann so mit den Fingern auseinander zöge, aber schneiden müsse man natürlich trotzdem. Und so weiter. Ach, denke ich, wäre es nicht schön, wenn ich nicht wüsste, wie über das, was mir möglicherweise bevorsteht gesprochen wird?

Achtsames baggern

Um eine Straße vom Asphalt zu befreien, muss man mit einem Bagger zuerst behutsam die Versiegelung aufknacken, was sehr genaue und sensible Bewegungen des Steuerknüppels erfordert. Anschließend schiebt man die Kante der Schaufel des Fahrzeugs sorgfältig unter die Asphaltschicht und hebt diese leicht an, so dass sie sich hochwölbt und im Idealfall auf einer Länge von 1-2 Metern abbricht. Die so entstehende Platte lässt sich nun mit viel Geschick nochmal zusammen falten, so dass sie in der Mitte bricht. Solchermaßen „handlich“ geformte Stücke können nun leicht abtransportiert werden.

Um sich dieses Wissen anzueigenen, muss eine Theaterwissenschaftlerin lediglich Mutter werden.

Edit: In einer früheren Version dieses Textes war von einem Radlader die Rede. Inzwischen (und nach mehreren Monaten intensiver Bautätigkeit auf der Karl-Liebknecht-Straße) kenne ich den Unterschied zwischen Radladern und Baggern. Natürlich habe ich den Sachfehler im obigen Text daraufhin sofort (nach ca. 2 Monaten) behoben. Man muss natürlich einen Bagger benützen!

Im letzten Jahr geliebt: Kinderbücher

„Im letzten Jahr gelernt“ – mit einer langen Aufzählung beendete ich vor einem Jahr hier auf dem Blog meine Elternzeit. Geblieben ist die Lust darauf, häufiger zu würdigen, was für tolle künstlerische Werke oder Orte ich dank des Mutter-Seins jetzt entdecken kann. Deshalb hier meine Lieblingskinderbücher aus dem letzten Jahr – keine Geheimtipps, sondern eine persönliche Zusammenstellung der Bücher, die mir (ja, mir!) im letzten Jahr am meisten Spaß gemacht haben.

An erster Stelle: Wimmelbücher

Dazu gehören ganz vorne die „Wimmelbücher“ von Rotraut Susanne Berner – das Herbst-Wimmelbuch musste ich phasenweise 1 Stunde am Tag akribisch durcharbeiten, mit Tiergeräuschen und allem. Die Welt von Wimmlingen ist unglaublich reich, Personen, Tiere und Geschichten werden über mehrere Bände immer wieder aufgegriffen und entwickeln sich weiter (Kinder werden geboren, Baustellen werden zu Häusern…), wie das Leben eben so ist. Und das Beste: Der Humor. Wenn die Nonne für den Laternenumzug extra eine Pinguinlaterne besorgt, dann macht das Gesamtbild einfach Spaß.

Das Wimmelbuch an sich ist allerdings längst als Marketing-Instrument entdeckt worden, und somit haben wir hier einiges an Literatur angesammelt. Hervorheben möchte ich die Ausgabe des Zoos Leipzig: Ausnahmsweise einfach dafür dass sie meinen politischen Ansprüchen genügt. Kinderbücher sind natürlich eine Kunstform und kein Erziehungsmaterial. Doch gerade weil der Zoo Leipzig eben in Sachsen liegt ist es ein Statement, dass hier Kinder aller Hautfarben, Kinder mit Behinderungen, Väter und Mütter in der Betreuungsrolle etc. völlig selbstverständlich ihre Abenteuer erleben. Zum Vergleich: Im „Leipzig Wimmelbuch“ kommen Frauen im Porsche-Werk nur auf der Besucher_innenebene vor (zusammen mit Kindern), schwarze Menschen sind praktisch nicht sichtbar usw. Dies dürfte den hiesigen Erwartungen im Großen und Ganzen entsprechen. Schön, dass der Zoo das anders macht!

„Das kenn ich schon!“ – ein famoses Bildwörterbuch von Moni Port. Gekauft habe ich es, weil ich den Prozess der Kategorienbildung im Spracherwerb so spannend finde. So hatte mein Neffe zeitweise ein Wort für alles, was cool ist und sich bewegt: also Tiere und Busse. Moni Port bedient in ihrem Buch die klassischen Kategorien, bricht aber auch immer wieder aus, wenn das Kuscheltier den Tieren zugeordnet wird und der alte Schuh der Natur – denn da wurde er schließlich gefunden. Ein großer Fan bin ich natürlich von der Kategorie NEIN!

Erste Geschichten

Die Geschichte „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ – die habe ich mir schon im Studium gekauft. Gute Literatur über Kacke, da muss man doch zugreifen. Wunderbar, die spannenden Teile der Geschichte mit der Beschreibung weicher, duftiger Tatsachen immer in Klammern zu setzen. Tatsächlich die erste Geschichte, die mein Sohn sich von Anfang bis Ende vorlesen ließ.

Die zweite war natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt“, oder wie es hier liebevoll genannt wird: „Raupesatt“. Kennt jeder: DIE Geschichte einer Metamorphose, wunderschöne Bilder, Löcher zum Finger reinpieken. Das Lieblingsbuch von George W. Bush. Somit wissen wir, dass er wenigstens ein gutes Buch gelesen hat.

Gut bebildert

Unzerreißbar, nicht mit Wasser aufzuweichen, extrem leicht – das Material war der Grund dafür, dass ich „Kunterbunt, na und“ von Guido van Genechten gekauft habe. Sehr praktisch, wenn Bücher auch gern als Nachspeise umgenutzt werden! Die Illustrationen sind allerdings einfach und trotzdem doppelbödig: Alle Krokodile haben eine Farbe, nur eins ist anders… Erst nach zig Durchgängen habe ich bemerkt, dass sich die Tiere nicht nur in puncto Farbe unterscheiden, sondern es auch immer noch andere Details gibt, so dass plötzlich ein ganz anderes Exemplar aus der Reihe tanzt. Echt gut gemacht!

Das Möge-Buch – so nennen wir „Ich mag“ von Constanze von Kitzing. Aus der Stadtbibliothek spontan herausgegriffen war es ein großer Erfolg. Die Struktur ist einfach: Ein Kind sagt, was es mag, auf der nächsten Seite genießt es genau das. „Ich mag den Regen!“ – „Ich mag kleine Sachen!“ – „Ich mag Baustellen!“ Mein Sohn kann es schon jetzt komplett „vorlesen“. Bilder und Ideen sind ein echter Genuss: So schön! So viel Tiefe! So viel Humor! Mein Highlight ist natürlich der Junge, der es mag, nachzudenken: bewegungslos mit angedeutetem Augenrollen. Das mag ich auch.

Ebenfalls aus der Stadtbibliothek kommt „Kleiner Bruder, großer Bruder“ von Inka Friese und Elena Shumilova, das ich einfach nur für mich mitgenommen habe. Es ist selten, dass eine Geschichte mit Fotos illustriert wird, und diese hier sind so idyllisch, dass ich sofort hineinschlüpfen möchte. Ein wenig beobachte ich an mir auch die Tendenz, die Geschichte als kitschig abzutun; doch das ist unfair. Sie erzählt von zwei, bald drei Brüdern, von großer Verlustangst und Trauer in einem Klima von Geborgenheit. Solche Geschichten könnten wir alle öfter brauchen.

…und was zum Singen!

Und zum Abschluss noch ein Kracher: „Das kleine Kinderliederbuch“ (gesammelt von Anne Diekmann). Das haben schon mein Bruder und ich zerfleddert, und es macht großen Spaß, die Lieder laut und falsch zu schmettern und die deftigen Bilder von Tomi Ungerer zu bestaunen (Brüste, Blut, „Kind Popo?“-alles dabei). Wir sollten alle öfter singen, oder?

Das waren sie, meine Highlights. Über Tipps freue ich mich sehr. Und wenn ihr in Leipzig wohnt: Geht alle in die Buchhandlung Serifee. Da sehen wir uns dann!

PS: Da ich weder von Serifee, noch von irgendeinem Verlag Geld für diesen Post bekommen habe, dürft ihr euch die Verlagsinformationen im Zweifel selbst raussuchen. Aber das lohnt sich!

Randnotizen III

Ein paar Notizen aus meinem Alltag – für mich als Materialsammlung, für euch, falls es interessiert. Dieses Mal mit einem Fall von unfreiwilligem Stalking, einem unverhofften Zusammentreffen mit der Polizei abseits ihrer Komfortzone und dem unangenehmen Gefühl, die Freiheit der Kunst im eigenen Kopf durchzusetzen. Das Beitragsbild zeigt mal wieder meine Pinnwand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Was machen!

8:15 Uhr, der Sohn und ich verlassen das Haus. Auf der anderen Straßenseite arbeitet eine Frau mit einem Laubbläser – der Sohn ist fasziniert. Wir beobachten sie ein Weilchen und ziehen dann weiter in Richtung Tagesmutter.
8:45 Uhr, ich kehre allein zurück. Die Frau kommt mir mit dem Laubbläser entgegen, sie lächelt freundlich. Ich lächle zurück und sage ohne lange nachzudenken: „Mein Sohn ist Fan von Ihnen!“ „Ach ja?“, fragt sie. „Ja, wir haben Sie kurz beobachtet, nehmen Sie’s nicht persönlich!“, antworte ich und verschwinde im Haus.
ratterratter, klickklick, denkdenk… NEEEEIN! Erst im Haus fällt mir auf, dass ich vielleicht hätte erwähnen sollen, dass mein Sohn erst anderthalb Jahre alt ist.
Liebe freundliche Dame der Stadtreinigung, wir sind keine Stalker, haben keine Fotos gemacht und ich werde Sie nie wieder ansprechen!

Besetzung aufgegeben!

Ich warte auf eine Besprechung im Conne Island. Es ist herbstlich, die Füße werden kalt, im Hintergrund zieht ein Skater seine Kreise. Plötzlich öffnet sich die mit Aufklebern übersäte Tür. Drei ältere Polizisten in Ausgehuniform treten heraus: „Wir geben die Besetzung auf!“, lachen und verlassen das Gelände. Später erfahre ich, dass einer von ihnen Bernd Merbitz (Polizeipräsident Leipzig) ist.

Seit einigen Wochen nehme ich an einer Seniorensportgruppe teil. So nehme ich das jedenfalls wahr, natürlich ist es in Wirklichkeit Reha-Sport (für mein Handgelenk, egal). Aber alle sind wirklich viiiiiiel älter als ich. Sie haben weißes Haar, reden in der Umkleide von „der Pflege“ und „Schicksalsschlägen“. Eine untrennbare Masse Senioren. So meine Wahrnehmung. Im Gespräch mit einer der Damen höre ich allerdings heraus: Sie nimmt die Altersspanne des Kurses deutlich breiter wahr. Heute gelernt: Ich bin „ab 60 blind“.

Weihnachtsmarkt. Ich habe eine Mission: Einen Forum frei-Karton entsorgen. Auf dem steht „Ergebnis: Ziegen gefressen, dumm geschaut und wieder um Hilfe gerufen“. Es ist mir peinlich. So peinlich! Und überall Betonquader gegen Terroristen, auf die jemand „Danke, Merkel“ gesprüht hat. Überall Polizei. Leute gucken misstrauisch. Ich stelle den Karton ab, mache mein Foto und verschwinde. Die Freiheit der Kunst beginnt wohl im Kopf?